Eine Wohltat vergelten oder Gutes vergelten aus Matthäus 5,46-47
Die Frage, wie Menschen auf empfangene Wohltaten reagieren sollen, gehört zu den grundlegenden Themen menschlichen Zusammenlebens. Dankbarkeit und Gegenseitigkeit gelten in nahezu allen Kulturen als wichtige Tugenden. Im Matthäusevangelium greift Jesus diesen Gedanken auf und führt ihn zugleich über die gewöhnlichen menschlichen Maßstäbe hinaus. In Matthäus 5,46–47 sagt er: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?“
Diese Worte stehen in der Bergpredigt, in der Jesus die Maßstäbe des Reiches Gottes erläutert. Dabei geht es ihm nicht darum, Dankbarkeit oder das Erwidern von Freundlichkeit abzuwerten. Vielmehr macht er deutlich, dass solche Gegenseitigkeit etwas Selbstverständliches ist. Die meisten Menschen sind freundlich zu denen, die ihnen freundlich begegnen, und helfen denen, von denen sie ebenfalls Hilfe erwarten können. Eine Wohltat zu vergelten entspricht dem natürlichen Empfinden von Fairness und Gerechtigkeit.
Jesus fordert jedoch mehr. Seine Jünger sollen nicht nur Gutes mit Gutem vergelten, sondern auch Menschen mit Liebe begegnen, von denen sie keine Gegenleistung erwarten können. Unmittelbar vor den genannten Versen ruft er sogar dazu auf, die Feinde zu lieben und für die zu beten, die einen verfolgen. Damit überschreitet er die Grenzen gewöhnlicher menschlicher Gegenseitigkeit.
Die Botschaft lautet: Wahre Liebe zeigt sich nicht erst dort, wo sie erwidert wird, sondern gerade dort, wo keine Belohnung zu erwarten ist. Wer nur denen Gutes tut, die ihm ebenfalls Gutes tun, handelt nicht anders als die meisten Menschen. Das Besondere des christlichen Handelns besteht darin, auch denjenigen mit Wohlwollen zu begegnen, die keine Freunde sind oder die sogar Ablehnung zeigen.
Dennoch bleibt das Vergelten einer Wohltat etwas Wertvolles. Dankbarkeit stärkt Beziehungen und schafft Vertrauen. Wer empfangene Hilfe anerkennt und darauf mit Freundlichkeit reagiert, trägt zu einem guten Miteinander bei. Jesus bestreitet dies nicht. Er erinnert lediglich daran, dass die Liebe nicht an den Grenzen der Gegenseitigkeit enden darf.
Auch in der heutigen Gesellschaft ist dieser Gedanke von großer Bedeutung. Viele Beziehungen beruhen auf dem Prinzip von Geben und Nehmen. Doch dort, wo Menschen bereit sind, ohne Berechnung zu helfen, entsteht etwas, das über bloße Gegenseitigkeit hinausgeht. Solche Handlungen können Versöhnung fördern, Vorurteile abbauen und neue Wege des Zusammenlebens eröffnen.
So zeigen Matthäus 5,46–47, dass das Vergelten einer Wohltat zwar gut und richtig ist, aber nicht das höchste Ziel christlichen Handelns darstellt. Jesus ruft dazu auf, Gutes nicht nur als Antwort auf empfangenes Gutes zu tun, sondern aus einer Haltung der Liebe heraus. Dadurch wird das menschliche Miteinander erweitert und die Güte Gottes sichtbar, die allen Menschen gilt.