Im Elfenbeinturm leben aus Hoheslied 7,5
Der Ausdruck „im Elfenbeinturm leben“ bezeichnet heute meist einen Menschen, der sich von der Wirklichkeit zurückzieht – abgeschirmt von den Sorgen und Problemen des Alltags. Seinen biblischen Ursprung hat das Bild im Hoheslied (Hld 7,5). Dort heißt es in einem poetischen Liebeslied: „Dein Hals ist wie ein Turm aus Elfenbein.“
Im ursprünglichen Zusammenhang ist dieses Bild ein Kompliment. Der Geliebte beschreibt die Schönheit der Geliebten mit kostbaren und eindrucksvollen Vergleichen. Elfenbein galt in der Antike als edel, wertvoll und selten. Ein Turm wiederum steht für Stärke, Erhabenheit und Würde. Der „Turm aus Elfenbein“ ist also kein Ort der Absonderung, sondern ein poetisches Bild für Anmut und Kostbarkeit.
Erst in späterer Zeit entwickelte sich daraus die übertragene Bedeutung. Der „Elfenbeinturm“ wurde zum Symbol für geistige oder gesellschaftliche Distanz: für Gelehrte, Künstler oder Denker, die sich in ihre eigene Welt zurückziehen und den Kontakt zur Realität verlieren. Aus einem Bild der Schönheit wurde ein Bild der Abgeschlossenheit.
Der biblische Ursprung erinnert jedoch daran, dass der Turm aus Elfenbein zunächst etwas Positives meint: Würde, Reinheit und Wert. Die Frage ist, wie man mit dieser „Höhe“ umgeht. Wird sie zum Ort der Isolation – oder zum Zeichen innerer Stärke, die zugleich offen bleibt für Begegnung?
So lädt das Bild dazu ein, beides im Blick zu behalten: die Sehnsucht nach einem geschützten Raum der Sammlung und die Verantwortung, nicht den Bezug zur Welt zu verlieren. Denn wahre Größe zeigt sich nicht im Rückzug, sondern in der Fähigkeit, aus innerer Festigkeit heraus mit anderen verbunden zu bleiben.
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