„In Sünden geboren“ (Johannes 9,34)
Die Redewendung „in Sünden geboren“ stammt aus dem Johannesevangelium. Sie erscheint in der Erzählung von der Heilung eines Mannes, der von Geburt an blind war. Nachdem Jesus ihn geheilt hat, wird der Mann von den Pharisäern verhört. Als er sich mutig zu Jesus bekennt und ihre Auffassungen infrage stellt, antworten sie verächtlich: „Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns?“ (Johannes 9,34). Mit diesen Worten weisen sie ihn zurück und schließen ihn aus ihrer Gemeinschaft aus.
Um die Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, muss man den damaligen Hintergrund betrachten. In der jüdischen Gesellschaft war die Vorstellung verbreitet, dass Krankheit oder Behinderung eine Folge von Sünde sein könnten. Viele Menschen glaubten, dass schweres Leid auf ein persönliches Verschulden oder auf die Schuld der Eltern zurückzuführen sei. Da der geheilte Mann von Geburt an blind gewesen war, betrachteten ihn seine Gegner als jemanden, der bereits von Geburt an unter einem Makel stand. Die Aussage „in Sünden geboren“ war daher eine abwertende Bezeichnung, die seine Glaubwürdigkeit und seinen Wert als Mensch infrage stellen sollte.
Jesus selbst widerspricht jedoch dieser Denkweise. Bereits zu Beginn der Geschichte fragen ihn seine Jünger, wer gesündigt habe – der Mann selbst oder seine Eltern. Jesus antwortet, dass weder der eine noch die anderen schuld seien. Damit lehnt er die Vorstellung ab, jedes Leid müsse eine direkte Strafe für eine Sünde sein. Stattdessen lenkt er den Blick auf Gottes Wirken und auf die Würde des Menschen.
Im Laufe der christlichen Geschichte wurde die Formulierung „in Sünden geboren“ teilweise auch mit der Lehre von der Erbsünde verbunden. Diese besagt, dass alle Menschen von Geburt an Teil einer unvollkommenen Welt sind und der Erlösung durch Gottes Gnade bedürfen. Dennoch bedeutet dies nicht, dass einzelne Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Krankheit oder ihrer Lebensumstände als minderwertig angesehen werden dürften.
Stempel und Vorurteil
Heute wird die Redewendung meist selten im wörtlichen Sinn verwendet. Sie erinnert jedoch daran, wie schnell Menschen andere aufgrund äußerer Merkmale oder Vorurteile beurteilen. Die Geschichte im Johannesevangelium zeigt, wie gefährlich es sein kann, Menschen abzustempeln oder ihnen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer Lebenssituation einen geringeren Wert zuzuschreiben.
Die Botschaft des Evangeliums geht in eine andere Richtung. Jesus begegnet dem blinden Mann mit Respekt und Mitgefühl. Er sieht in ihm nicht einen Menschen, der von Schuld geprägt ist, sondern einen Menschen mit Würde und einer eigenen Berufung. Dadurch wird deutlich, dass Gottes Blick auf den Menschen nicht von Vorurteilen bestimmt wird.
Die Aussage „in Sünden geboren“ bezeichnet ursprünglich eine abwertende Behauptung gegenüber dem geheilten Blinden. Die Erzählung macht jedoch deutlich, dass Jesus solche Vorurteile zurückweist. Sie erinnert daran, jeden Menschen mit Respekt zu behandeln und ihn nicht aufgrund von Herkunft, Krankheit oder gesellschaftlicher Stellung zu verurteilen. Die Würde des Menschen hängt nicht von äußeren Merkmalen ab, sondern von seinem Wert vor Gott.