Etwas ist Vergeben und Vergessen nach Jer 31,34
Der Satz „Etwas ist vergeben und vergessen“ findet seinen tiefen Ursprung in Bibel, genauer in Jeremia 31,34. Dort heißt es sinngemäß, dass Gott die Schuld vergibt und der Sünde nicht mehr gedenkt. Diese Aussage gehört zu den stärksten Bildern für einen Neuanfang.
Vergebung bedeutet hier nicht nur, dass Schuld nachsichtig behandelt wird. Sie wird vielmehr aufgehoben, als hätte sie keine Macht mehr über die Beziehung zwischen Gott und Mensch. „Nicht mehr gedenken“ geht dabei noch einen Schritt weiter: Es beschreibt ein bewusstes Loslassen der Vergangenheit. Das, was war, bestimmt nicht länger das, was ist oder sein wird.
Für den Menschen liegt darin eine große Hoffnung. Fehler, Versagen und Schuld müssen nicht das letzte Wort haben. Der Gedanke, dass etwas wirklich „vergeben und vergessen“ sein kann, eröffnet die Möglichkeit eines echten Neubeginns – frei von der Last dessen, was einmal war.
Gleichzeitig stellt dieser Satz auch eine Herausforderung dar. Denn menschliches Vergessen ist oft unvollständig. Erinnerungen bleiben, Verletzungen wirken nach. Die biblische Verheißung weist deshalb über das menschliche Maß hinaus: Sie beschreibt eine Form der Vergebung, die tiefer geht als bloßes Übersehen oder Verdrängen. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Vergangenheit nicht mehr gegen den anderen zu verwenden.
So steht „vergeben und vergessen“ für eine radikale Form der Versöhnung. Es ist ein Bild für einen Zustand, in dem Schuld ihre trennende Kraft verloren hat – und in dem Zukunft wieder möglich wird.
Vergeben oder vor Gericht gehen?[1]
Wir Menschen sind nun mal soziale Wesen. Wo wir zusammen leben, kommt es durch unterschiedliche Ansichten zu Missverständnissen und Verletzungen.
„Wer was macht, macht Fehler; und wer viel macht, der macht viele Fehler.“
Sei es durch Unachtsamkeit oder Unkenntnisse; es entsteht Schuld, die be-glichen sein will. – Wie kann ich als Opfer umgehen mit dem Schmerz, der durch Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung entstanden ist? Wie kann ich konstruktiv mit erlittenem Unrecht, mit Kränkungen und anderem umgehen? Und wie finde ich meinen inneren Frieden wieder?
Soll ich gleich vor Gericht ziehen und den Bösewicht einem Richter über-geben? Als Kinder haben wir schnell mal damit gedroht, unsere großen Geschwister oder Freunde zu holen, „die zeigen dir dann, wie stark ich bin!“ und dass es sich nicht lohnt, sich mit uns anzulegen.
Aber als erwachsene Menschen? Soll ich nur aus Prinzip und weil mir grade Argumente fehlen, das große Fass aufmachen?[2] – Wir sollten uns gut über-legen, warum und gegen wen wir vor Gericht gehen, wo der Grundsatz gilt: „Prinzip ist teuer!“
Direkter und schneller ist im täglichen Miteinander die direkte Ansprache: „Du hast mir unrecht oder auch weh getan. Das war mir sehr unangenehm.“ Durch unsere Ansage geben wir dem Gegenüber die Möglichkeit zu Einsicht und zu einer Bitte um Entschuldigung. Unsere (freiwillige!) Annahme dieser Bitte und die folgende Vergebung bzw. das Verzeihen kann ein erster aktiver Schritt aus der Opferrolle raus und für beide Seiten eine Erleichterung sein.
Die Vergebung bedeutet keinesfalls eine Relativierung oder Rechtfertigung, auch kein Vergessen oder gar Verleugnen dessen, was geschehen ist. Es hat weh getan und sich ins Gedächtnis eingebrannt, vergessen wird also nichts. Durch das Vergeben haben beide Seiten die Möglichkeit des Neuanfanges – die Einsicht und die ehrliche Bitte um Vergebung vorausgesetzt.
Es mag schwer sein, Geschehenes hinter sich zu lassen, aber das Verzeihen bietet die Möglichkeit Groll und Ärger zu überwinden. Dass wir danach neue Regeln für ein zukünftiges Miteinander aushandeln, das liegt nahe.
Durch das Verzeihen dürfen frühere Verwundungen der Vergangenheit angehören, und wir können loslassen, was die Seele belastet und schwächt.
[1]Zum Begriff Vergebung aus „Psychologie heute“ 2018, diverse; „Philosophie Magazin“ 2019, Nr.43
[2]Gar keine Frage: Gewalt, Straftaten und Verbrechen gehören zur Anzeige gebracht.
aus „Gleichnisse des Jesus von Nazareth“, F. Weber, BoD, 2025