Etwas vergelten aus 1. Mose 50,15
Die Redewendung „etwas vergelten“ gehört zu den alten Begriffen der deutschen Sprache und bedeutet, auf eine Handlung mit einer entsprechenden Gegenhandlung zu reagieren. Dabei kann es sich sowohl um eine Belohnung für etwas Gutes als auch um eine Bestrafung für etwas Schlechtes handeln. Im biblischen Zusammenhang wird die Wendung häufig im Zusammenhang mit Schuld, Gerechtigkeit und Vergebung verwendet. Eine besonders bekannte Stelle findet sich in Genesis 50,15.
Dort wird von den Brüdern Josefs berichtet. Viele Jahre zuvor hatten sie ihren Bruder aus Neid verkauft und dadurch großes Unrecht an ihm begangen. Josef gelangte jedoch nach Ägypten, stieg dort zu einem mächtigen Mann auf und rettete während einer Hungersnot seine Familie vor dem Verhungern. Nach dem Tod ihres Vaters Jakob fürchten sich die Brüder vor Josef. Sie sagen zueinander: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“ Sie haben Angst, dass Josef nun die Gelegenheit nutzen könnte, sich für das erlittene Unrecht zu rächen.
Die Sorge der Brüder ist verständlich. Nach menschlichem Ermessen hätte Josef allen Grund gehabt, ihnen ihre Tat heimzuzahlen. Doch die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf. Josef verzichtet auf Vergeltung und spricht Worte der Versöhnung. Er erklärt, dass Gott selbst aus dem Bösen Gutes entstehen ließ. Statt Rache zu üben, vergibt er seinen Brüdern und sorgt weiterhin für sie und ihre Familien.
Damit erhält die Geschichte eine tiefere Bedeutung. Sie zeigt den Unterschied zwischen Vergeltung und Vergebung. Vergeltung beruht auf dem Gedanken, dass jede Tat eine entsprechende Gegenreaktion verdient. Vergebung hingegen durchbricht diesen Kreislauf. Josef entscheidet sich bewusst gegen Rache und für Versöhnung. Dadurch wird die Familie nicht weiter gespalten, sondern kann in Frieden zusammenleben.
Im Laufe der Zeit wurde „etwas vergelten“ zu einer allgemeinen Redewendung. Man kann jemandem eine Wohltat vergelten, indem man Dankbarkeit zeigt, oder man kann jemandem Unrecht vergelten, indem man sich rächt. Die Bibel stellt jedoch immer wieder die Frage, ob Vergeltung allein zu Gerechtigkeit führt. Besonders im Alten und Neuen Testament wird deutlich, dass Vergebung oft stärker wirkt als Rache.
Auch heute spielt dieser Gedanke eine wichtige Rolle. Menschen erleben Verletzungen, Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten. Die Versuchung, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, ist groß. Doch die Geschichte Josefs zeigt, dass Versöhnung neue Wege eröffnen kann. Wer bereit ist zu vergeben, verhindert oft, dass Konflikte weiter eskalieren.
Zusammenfassend bedeutet „etwas vergelten“ ursprünglich, auf eine Handlung entsprechend zu reagieren. In Genesis 50,15 wird diese Vorstellung durch die Geschichte Josefs und seiner Brüder eindrucksvoll dargestellt. Obwohl Josef allen Grund zur Vergeltung hätte, entscheidet er sich für Vergebung. Die Erzählung erinnert daran, dass wahre Größe nicht in der Rache liegt, sondern in der Fähigkeit, Schuld zu überwinden und Versöhnung zu ermöglichen.