Autor: admin

  • Das A und O, Alpha und Omega

    Das A und O, Alpha und Omega

    Der Ausdruck „das A und O“ ist eine Redewendung, die vielen bekannt ist – sie bedeutet im Alltag „das Wichtigste“, „der Anfang und das Ende“ oder „das Entscheidende“. Ihren Ursprung hat sie jedoch in der Bibel, genauer gesagt im letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes. Dort bezeichnet sich Gott selbst, ebenso wie Jesus Christus, als das „Alpha und Omega“, die erste und die letzte Buchstaben des griechischen Alphabets.

    In Offenbarung 1,8 heißt es:

    Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.“

    Und in Offenbarung 22,13 spricht Christus:

    Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

    Diese Worte haben eine tiefe theologische Bedeutung. Sie machen deutlich, dass Gott der Ursprung und das Ziel von allem ist. Alles Leben beginnt in ihm und findet in ihm seine Vollendung. Indem Gott sich Alpha und Omega nennt, unterstreicht er seine ewige, unveränderliche Existenz: Er steht über der Zeit, über Anfang und Ende, und umfasst die ganze Wirklichkeit.

    Im alttestamentlichen Hintergrund begegnet uns ein ähnlicher Gedanke: In Jesaja 44,6 sagt der Herr:

    Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir gibt es keinen Gott.“
    Hier wird bereits deutlich, dass Gott allein Ursprung und Ziel des Universums ist – ein Gedanke, den die Offenbarung auf Christus überträgt. Damit wird bezeugt: Jesus Christus ist wahrer Gott, an seiner Person erfüllt sich Gottes Ewigkeit und Herrschaft über alles Sein.

    Das Alpha und Omega symbolisiert aber nicht nur Ewigkeit, sondern auch Vollständigkeit und Ganzheit. Zwischen Alpha und Omega liegen alle Buchstaben des Alphabets – sie stehen sinnbildlich für die gesamte Schöpfung, für alles, was existiert und Sinn erhält durch Gott. In Christus findet die Schöpfung ihren Anfang (Joh 1,3: „Alles ist durch ihn geworden“) und ihr Ziel (Kol 1,16: „Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen“).

    Für den Glauben bedeutet das: Gott ist nicht nur am Beginn unseres Lebens gegenwärtig, sondern bleibt auch am Ende bei uns. Er trägt alles, was dazwischen liegt – die ganze Geschichte, jedes einzelne Leben, jeden Weg. Wer an Christus glaubt, darf sich geborgen wissen in diesem göttlichen Umgreifen von Anfang und Ende.

    So wird das „A und O“ zum Symbol der Treue Gottes: Er ist der Erste, der uns ins Leben ruft, und der Letzte, der uns in Ewigkeit erwartet. Nichts bleibt außerhalb seines Wirkens, nichts geht verloren in seiner Liebe. Deshalb ist Christus das A und O nicht nur der Weltgeschichte, sondern auch des persönlichen Glaubens – der Ursprung, der Sinn und die Vollendung unseres Daseins.

  • Das A und O (einer Sache) sein

    Das A und O (einer Sache) sein

    (nach Jesaja 41,4; 44,6; 48,12; Offenbarung 1,8.11; 21,6; 22,13)

    Der Ausdruck „das A und O“ – also „das Alpha und das Omega“ – ist tief in der biblischen Sprache verwurzelt. Er stammt aus dem Griechischen Alphabet, in dem Alpha der erste und Omega der letzte Buchstabe ist. Wenn Gott in der Bibel sagt: „Ich bin das Alpha und das Omega“ (Offb 1,8), so bedeutet das: Er ist der Anfang und das Ende, Ursprung und Vollendung, der, von dem alles ausgeht und zu dem alles zurückkehrt.

    Diese Selbstoffenbarung Gottes findet ihre Wurzeln bereits im Alten Testament. In Jesaja 41,4 spricht Gott: „Ich bin der Erste und ich bin bei den Letzten derselbe.“ Ebenso in Jesaja 44,6: „Ich bin der Erste und der Letzte, und außer mir gibt es keinen Gott.“ Und in Jesaja 48,12 heißt es: „Ich bin derselbe, ich bin der Erste, ich bin auch der Letzte.“ Diese Aussagen unterstreichen die Einzigkeit und Ewigkeit Gottes. Er steht über der Geschichte, er umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kein anderes Wesen teilt seine göttliche Beständigkeit.

    Im Neuen Testament greift die Offenbarung des Johannes dieses Motiv auf und überträgt es auf Christus selbst. In Offb 1,8 sagt der Herr: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott der Herr, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.“ Und am Ende der Schrift heißt es noch einmal: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offb 22,13). Hier wird deutlich: Christus teilt Gottes Ewigkeit – er ist der Herr der Geschichte, der alles begonnen hat und alles vollenden wird.

    Die Redewendung im Alltag

    Wenn man im alltäglichen Sprachgebrauch sagt, jemand sei „das A und O einer Sache“, dann meint man: Er oder sie ist das Entscheidende, der Mittelpunkt, das Wesentliche. Diese Redewendung geht also auf die tief biblische Wahrheit zurück, dass Gott selbst der Ursprung und das Ziel allen Lebens ist. Was keinen Bezug zu ihm hat, verliert seinen Sinn und seine Richtung.

    So lädt das biblische „A und O“ dazu ein, Gott in allen Dingen als den Ersten und Letzten zu erkennen – als den, der allem Sinn gibt und in dem alles seinen Abschluss findet. Wer Gott in den Mittelpunkt seines Lebens stellt, hat das „A und O“ gefunden: den festen Anfang, den tragenden Grund und das verheißene Ziel des Daseins.

  • In Abrahams Schoß (sitzen)

    So sicher wie in Abrahams Schoß

    Die Redewendung „In Abrahams Schoß (sitzen)“, die heute eher selten zu hören ist, geht auf das Gleichnis vom Reichen Mann und dem Armen Lazarus zurück. Aus jüdischer Perspektive gilt Abrahams Schoß als Ort der Seligkeit und des friedvollen Wartens bis zum Ankommen im Reich Gottes. Lazarus wird nach einem Leben in Armut und Not von den Engeln aufgehoben in den Himmel, an einen Ort der Geborgenheit und absoluten Sicherheit.

    In Abrahams Schoß (Lk 16,22)

    Der Ausdruck „in Abrahams Schoß“ stammt aus dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus im Lukasevangelium (Lk 16,19–31). In Vers 22 heißt es: „Es begab sich aber, dass der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.“ Diese bildhafte Formulierung steht im Zentrum der christlichen Vorstellung vom jenseitigen Trost und von der endgültigen Gerechtigkeit Gottes.

    Der „Schoß Abrahams“ ist ein uraltes Bild des Geborgenseins und der Nähe zu Gott. Abraham gilt im Judentum und Christentum als „Vater des Glaubens“, als derjenige, dem Gott seine Verheißung gegeben hat und durch den Segen und Heil in die Welt kommen sollten. Wenn also Lazarus nach seinem Tod „in Abrahams Schoß“ getragen wird, bedeutet das: Er findet Aufnahme bei dem, der Gottes Freund genannt wird, und damit auch in Gottes Nähe selbst. Es ist ein Bild der innigsten Gemeinschaft, ähnlich wie ein Kind, das auf dem Schoß des Vaters ruht – geschützt, getröstet und angenommen.

    Gegensätzliche Aufenthaltsorte

    Zugleich steht dieser Ausdruck in starkem Kontrast zur Situation des reichen Mannes, der zu Lebzeiten alles hatte, aber nach dem Tod in Qualen gerät. Das Gleichnis will damit keine detaillierte Jenseitsbeschreibung liefern, sondern eine ethische und theologische Wahrheit verdeutlichen. Gott sieht die Not der Armen, und sein Reich kehrt die Maßstäbe der Welt um. Der, der auf Erden litt, findet Trost; der, der sich selbst genug war, erkennt seine Bedürftigkeit zu spät.

    Der Ort ist somit ein Symbol für das vollkommene Heil, für Trost und Anerkennung nach einem Leben der Entbehrung. Es verweist auf die Hoffnung, dass Gott den Menschen nicht nach äußerem Erfolg oder Reichtum beurteilt, sondern nach dem Herzen. Für die frühen Christen war dieses Bild auch Ausdruck der Auferstehungshoffnung. Wer an Gott glaubt und in Treue lebt, wird am Ende geborgen sein in seiner Liebe – so wie Lazarus in Abrahams Schoß.

    So lädt der Vers Lk 16,22 dazu ein, über das eigene Leben nachzudenken. Wo suchen wir Sicherheit – in Besitz und Ansehen oder in der Gemeinschaft mit Gott? Es bleibt ein Bild des tiefsten Trostes und der himmlischen Geborgenheit. Die ist jenen verheißen, die in Vertrauen und Demut leben.

  • In Abrahams Wurstkessel schwimmen

    In Abrahams Wurstkessel schwimmen

    Hebr 7,9-11

    (Eine heitere Betrachtung zu Hebr 7,9–11)

    Man kennt das Sprichwort „In Abrahams Schoß sitzen“ – ein schönes Bild für himmlische Geborgenheit. Doch wer heutzutage lieber „in Abrahams Wurstkessel schwimmen“ möchte, hat wohl den himmlischen Trost mit einem irdischen All-you-can-eat-Buffet verwechselt. Statt himmlischer Ruhe erwartet man da eher deftige Kost: Gnade in Scheiben, Segen am Spieß und ein ewiges Gelage mit Senf und Sauerkraut.

    Der Hebräerbrief (7,9–11) erinnert uns allerdings an etwas anderes. Dort geht es um Abraham, Melchisedek und die Frage, was ein wirklich vollkommenes Priestertum ist. Mit anderen Worten: Gott arbeitet nicht mit altem Fett, sondern mit frischem Glauben. Wer denkt, er könne sich durch religiöse Erbschaft – also durch „Abrahams Blutwurst“ – retten lassen, hat den neuen Bund noch nicht gekostet.

    Das Bild vom „Wurstkessel“ passt dann fast zu gut: Viele Menschen möchten es sich im Glauben gemütlich machen – warm, satt und möglichst ohne Bewegung. Doch der Glaube, sagt der Hebräerbrief, ist kein Schmorgericht, das man einfach ziehen lässt, sondern ein Feuer, das immer wieder neu entfacht werden muss.

    Abraham selbst hätte wohl geschmunzelt über die Vorstellung, dass seine Nachkommen dereinst im Wurstkessel baden statt in Gottes Verheißung leben. Er, der Nomade und Glaubensvater, wusste: Gott ruft nicht zum Schlemmen, sondern zum Aufbrechen. In Abrahams Schoß zu ruhen bedeutet Geborgenheit – in seinem Wurstkessel zu schwimmen bedeutet Trägheit.

    Vielleicht steckt also eine ernste Wahrheit in diesem spaßigen Bild: Wenn unser Glaube nur noch um Selbstgenuss kreist, dann brauchen wir dringend geistliche Diät. Der Hebräerbrief lädt uns ein, das Alte loszulassen und das Neue zu kosten – nicht Fett, sondern Feuer, nicht Fülle im Bauch, sondern Freude im Herzen.

    Und wer am Ende trotzdem noch Hunger hat – der darf sich getrost sagen lassen: Im Reich Gottes gibt’s sicher auch Würstchen. Aber sie werden wohl geistlicher Art sein – leicht verdaulich, ewig haltbar und garantiert frei von Selbstgerechtigkeit.


    Eine kabarettistische Version

    Also nochmal: In Abrahams Wurstkessel schwimmen

    (Ein Versuch zwischen Theologie und Theke – frei nach Hebräer 7,9–11)

    Also, meine Damen und Herren – der Ausdruck „in Abrahams Schoß sitzen“ war ja ursprünglich was ganz Edles: himmlische Geborgenheit, Friede, Trost, Licht und Liebe. Doch irgendwann muss einer gesagt haben: „Schoß ist schön – aber wo bleibt das Buffet?“ – Und zack! Schon schwimmen wir „in Abrahams Wurstkessel“.

    Da blubbert es friedlich: die Frommen in der Fleischbrühe des Segens, die Gerechten als Brühwürstchen der Erlösung. Jeder denkt: „Hier bleib ich! Warm, fett und gläubig – mehr Himmel geht nicht!

    Aber der Hebräerbrief (Kapitel 7, Sie wissen schon, der, den keiner liest, weil er zu viele Priesternamen hat) ruft von hinten: „Leute! Es geht um das vollkommene Priestertum – nicht um die perfekte Bratwurst!“ Da geht’s um Glauben, nicht um Grillgut!

    Doch seien wir ehrlich: Die Idee hat was. „In Abrahams Wurstkessel“ – das klingt nach einem Ort, wo man als Christ noch gemütlich glauben darf. Kein Stress, kein Fasten, kein missionarischer Eifer – nur sachte simmern in der Gnade. Einmal im Monat umgerührt, und fertig ist der selige Eintopf.

    Und wenn einer fragt: „Lebst du noch oder glaubst du schon?“ Dann sagt man: „Ich schwimm! Schön gleichmäßig zwischen Leberwurst und Hoffnung!“

    Abraham selbst hätte wahrscheinlich die Hände überm Kopf zusammenge-schlagen. Der Mann zog durch die Wüste, vertraute auf Gottes Wort. Und wir machen daraus eine Wellness-Oase mit Theologie-Whirlpool.

    Aber mal ehrlich: So sind wir halt. Wir wollen Glauben, aber bitte ohne Risiko. Vertrauen, aber mit Rückgaberecht. Und wenn’s geht, mit einem Teller Senf daneben.

    Doch der Hebräerbrief ruft uns zu: „Kommt heraus aus dem Kessel! Das Fett mag wärmen, aber es lähmt. Glauben heißt: Los, komm raus, lauf weiter – mit Gott durchs Unbekannte, aber nicht im Sud des Alten!“

    Also, meine lieben Brüder und Schwestern in der Marinade des Glaubens: Lasst uns lieber Feuer unterm Glauben machen, statt uns im eigenen Saft zu garen! Denn wer zu lange im Wurstkessel bleibt, landet am Ende als lauwarme Theologie.

    Und das – das ist weder himmlisch noch halal.

  • O mein Sohn Absalom

    O mein Sohn Absalom 2. Samuel 19,1-4

    Das zweite Buch Samuel erzählt eine der bewegendsten Szenen des Alten Testaments: König David trauert um seinen Sohn Absalom. Nachdem Absalom gegen seinen Vater aufbegehrt, einen Aufstand angeführt und selbst die Königsherrschaft an sich reißen wollte, endet der Konflikt tragisch. Im Kampf wird Absalom getötet – und als David davon erfährt, bricht er in tiefen Schmerz aus.

    Da erbebte der König, und er ging hinauf in das Obergemach über dem Tor und weinte. Und im Gehen sprach er:
    O mein Sohn Absalom, mein Sohn, mein Sohn Absalom!
    Ach, dass ich doch an deiner statt gestorben wäre!
    O Absalom, mein Sohn, mein Sohn!
    “ (2 Sam 19,1)

    Dieser Ausruf Davids ist einer der ergreifendsten Klagerufe der Bibel. Er zeigt den König nicht als mächtigen Herrscher, sondern als Vater, der an seinem Verlust zerbricht. Trotz allem, was Absalom ihm angetan hat – der Rebellion, dem Verrat, der Entfremdung –, bleibt er Davids Sohn. Der Schmerz über den Tod des eigenen Kindes überlagert alles Politische, alles Persönliche.

    Davids Klage zeigt die ganze Tiefe menschlicher Liebe und Zerbrechlichkeit. Sie offenbart, dass selbst im Glauben an Gott das Leid und der Verlust ihren Platz haben dürfen. David klagt nicht an, er verdrängt nicht – er schreit seinen Schmerz hinaus. Damit gibt er der Trauer Raum und macht deutlich: Vor Gott dürfen auch Tränen und Widersprüche stehen.

    In Davids Ruf klingt auch etwas von der Liebe Gottes selbst an. Wie David um seinen abtrünnigen Sohn weint, so trauert Gott über den Menschen, der sich von ihm entfernt. Gottes Liebe bleibt – selbst, wenn der Mensch sich gegen ihn stellt. Im Licht des Neuen Testaments erinnert Davids Klage an das, was Gott in Jesus Christus offenbart. Eine Liebe, die bereit ist, das eigene Leben hinzugeben, um den verlorenen Menschen zu retten.

    Davids Worte „Ach, dass ich doch an deiner statt gestorben wäre!“ weisen so über seine persönliche Trauer hinaus. Sie spiegeln das Herz des Evangeliums. Gott selbst trägt den Schmerz über die Trennung von seinen Kindern – und in Christus erfüllt sich, was David nur ausruft. Einer stirbt an unserer statt.

    „O mein Sohn Absalom“ bleibt daher nicht nur ein Schrei der Verzweiflung, sondern auch ein Zeugnis von Liebe, die über Schuld hinausreicht. Es ist der Ruf eines Vaters – menschlich zutiefst erschüttert, aber zugleich ein Spiegel göttlichen Mitgefühls, das niemals aufhört, nach seinen Kindern zu rufen.

  • Der Abschaum der Menschheit

    Der Abschaum der Menschheit – nach 1. Kor. 4,12-13


    In 1 Korinther 4,12–13 schreibt der Apostel Paulus:
    „Wir mühen uns ab mit eigener Hände Arbeit; werden wir geschmäht, segnen wir; werden wir verfolgt, halten wir stand; werden wir verleumdet, reden wir gütig. Bis jetzt sind wir geworden wie der Abschaum der Welt, der Auswurf aller – bis heute.“

    Diese Worte gehören zu den eindringlichsten Selbstbeschreibungen des Paulus und seiner Mitarbeiter. Sie stehen am Ende einer Passage, in der Paulus die Gemeinde in Korinth ermahnt, ihre eigene Überheblichkeit zu erkennen. Die Christen in Korinth hielten sich offenbar für geistlich besonders begabt und gesellschaftlich angesehen. Paulus stellt dem ihr Selbstbild sein eigenes apostolisches Leben entgegen – ein Leben voller Mühsal, Verfolgung und Demütigung.

    Der Ausdruck „Abschaum der Welt“ (griechisch: perikatharma tou kosmou) war in der Antike eine drastische Bezeichnung. Er konnte sich auf Menschen beziehen, die man als unrein oder wertlos ansah – oft Verbrecher oder Sklaven, die man im übertragenen Sinn oder sogar buchstäblich „der Welt zum Opfer“ darbrachte. Paulus gebraucht diesen Begriff bewusst, um zu zeigen, dass der Weg Christi nicht mit Ruhm und Macht, sondern mit Erniedrigung und Leid verbunden ist. Wer Christus nachfolgt, stellt sich nicht über andere, sondern unter sie.

    In diesem paradoxen Selbstverständnis liegt eine tiefe christliche Wahrheit: Das Evangelium kehrt die Maßstäbe der Welt um. Nicht Ansehen, Erfolg oder Reichtum sind Zeichen göttlichen Segens, sondern Demut, Standhaftigkeit und die Fähigkeit, Hass mit Liebe zu begegnen. Paulus will den Korinthern damit zeigen, dass wahre Nachfolge bedeutet, sich selbst zurückzunehmen und auch Schmach zu tragen – so wie Christus selbst „verachtet und verworfen“ wurde (Jes 53,3).

    Wenn Paulus sich und seine Mitarbeiter als „Abschaum“ bezeichnet, ist das also keine Klage, sondern ein Bekenntnis. Es drückt eine radikale Solidarität mit dem Gekreuzigten aus. Die Apostel sind bereit, am Rande der Gesellschaft zu leben, um das Evangelium glaubwürdig zu verkünden. Gerade in dieser freiwilligen Erniedrigung liegt ihre Stärke.

    So wird aus dem „Abschaum der Welt“ das Fundament der Kirche. In der Schwachheit der Apostel offenbart sich die Kraft Gottes (vgl. 2 Kor 12,9). Paulus erinnert die Gemeinde – und mit ihr auch uns –, dass christliches Leben nicht im Streben nach Ehre, sondern im Dienst, in Geduld und im segensreichen Ertragen von Unrecht besteht. Wer sich mit Christus solidarisiert, darf sich nicht wundern, wenn er von der Welt verachtet wird; aber gerade darin zeigt sich die wahre Größe des Glaubens.


  • Den alten Adam ausziehen

    Den alten Adam ausziehen – Kolosser 3,9 und Epheser 4,22–24

    Die Rede vom „alten Adam“ gehört zu den zentralen Bildern des Neuen Testaments, wenn es um die Erneuerung des Menschen in Christus geht. Der Apostel Paulus gebraucht dieses Bild, um die tiefgreifende Veränderung zu beschreiben, die der Glaube bewirkt. In Kolosser 3,9–10 heißt es:

    Belügt einander nicht. Denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat.“

    Und ähnlich in Epheser 4,22–24:

    Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung zugrunde geht durch die Begierden des Irrtums. Erneuert euch aber im Geist eures Sinnes und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

    Mit dem „alten Menschen“ oder dem „alten Adam“ meint Paulus die vom Egoismus, der Selbstsucht und der Sünde bestimmte Existenz des Menschen, wie sie seit dem Sündenfall Adams die menschliche Natur prägt. Der „alte Adam“ steht für den Menschen, der sich von Gott entfremdet hat und sein Leben aus eigener Kraft, nach eigenem Willen gestalten will – mit allen zerstörerischen Folgen für sich und andere.

    Demgegenüber steht der „neue Mensch“, der durch Christus geschaffen wird. In der Taufe und im Glauben geschieht ein radikaler Wandel. Der Mensch verbessert sich nicht nur äußerlich. Er erneuert sich von innen her. Es ist ein Sterben und Auferstehen in geistlicher Weise – der alte Mensch wird „ausgezogen“, der neue „angezogen“. Dieses Bild des Kleidungswechsels verdeutlicht: Christsein bedeutet, täglich neu in der Identität zu leben, die Gott schenkt.

    Veränderung des Verhaltens

    Das „Ausziehen“ des alten Menschen heißt, die alten Verhaltensmuster – Lüge, Zorn, Neid, Selbstsucht – bewusst abzulegen. Das „Anziehen“ des neuen Menschen bedeutet, sich vom Geist Christi prägen zu lassen, in Liebe, Wahrheit und Barmherzigkeit zu leben. Der neue Mensch ist nicht unser eigenes Werk, sondern das Wirken Gottes in uns.

    Theologisch wurzelt dieses Verständnis tief in der paulinischen Schöpfungs- und Erlösungslehre. Der neue Mensch ist „nach dem Bild Gottes geschaffen“. In Christus wird die ursprüngliche Bestimmung des Menschen wiederhergestellt. Das Leben in Gemeinschaft mit Gott. Was in Adam verloren ging, erneuert sich in Christus.

    So ist das Ausziehen des alten Adam kein einmaliger Akt, sondern ein fortwährender Prozess. Jeder Tag im Glauben ist eine neue Entscheidung. In Christus zu leben und den alten, selbstbezogenen Menschen sterben zu lassen. In diesem Sinn ist das Christsein ein täglicher Weg der Umkehr, auf dem das neue Leben in uns wächst – bis der Mensch ganz verwandelt ist in das Bild Christi.

    Der „alte Adam“ steht also nicht nur für Schuld, sondern auch für die Möglichkeit der Erneuerung: Wer ihn ablegt, darf neu beginnen – als ein Mensch, der in Gottes Gnade lebt und aus ihr handelt.

  • Bei Adam und Eva anfangen

    Bei Adam und Eva anfangen nach Gen. 3,20


    In Genesis 3,20 heißt es:
    „Und der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.“

    Dieser kurze Satz steht am Ende der Erzählung vom sogenannten „Sündenfall“. Adam und Eva haben von der verbotenen Frucht gegessen, das Paradies verloren und müssen nun die Folgen ihres Handelns tragen. Doch gerade in dieser dunklen Situation geschieht etwas Erstaunliches: Adam gibt seiner Frau einen neuen Namen – Eva, hebräisch Chawwa, was „Leben“ oder „Lebendige“ bedeutet. Mitten im Gericht, nach Schuld und Trennung, spricht der Mensch ein Wort der Hoffnung aus.

    Hier zeigt sich eine der zentralen Botschaften der Bibel: Das Ende des Paradieses ist nicht das Ende der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Auch nach dem Bruch bleibt das Leben bestehen, und mit ihm bleibt die Möglichkeit eines neuen Anfangs. In der Gestalt Evas beginnt die Geschichte der Menschheit. Sie wird „Mutter aller Lebendigen“ – Sinnbild für das Weitergehen des Lebens, trotz der Wunden und Grenzen, die der Mensch sich selbst zugefügt hat.

    „Bei Adam und Eva anfangen“ bedeutet also mehr als nur, zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurückzugehen. Es bedeutet, das Menschsein in seiner ganzen Spannung zu begreifen: zwischen Schuld und Hoffnung, zwischen Verlust und Neubeginn. Adam und Eva stehen für uns alle – für die, die irren, die schuldig werden, aber auch für die, die weiterleben, sich versöhnen und Verantwortung übernehmen.

    Gott lässt die Menschen nicht im Chaos zurück. Auch wenn sie das Paradies verlassen müssen, sorgt er für sie, kleidet sie und schenkt ihnen Zukunft. Damit wird deutlich: Selbst im Gericht ist Gottes Barmherzigkeit wirksam. Der Name „Eva“ ist ein Versprechen, dass Leben stärker ist als Tod, und dass in jedem Ende ein Anfang liegt.

    So lädt die Geschichte uns ein, immer wieder „bei Adam und Eva anzufangen“ – das heißt, neu zu erkennen, wer wir sind: Geschöpfe, die fallen können, aber auch aufstehen dürfen. Menschen, die nicht perfekt sind, aber von Gott dennoch angenommen werden. In dieser Erkenntnis liegt der erste Schritt zu einem echten Neuanfang – damals wie heute.


  • Herumlaufen wie Adam und Eva

    Herumlaufen wie Adam und Eva


    Wenn man sagt, jemand laufe „herum wie Adam und Eva“, denkt man zunächst an Nacktheit – an das Bild der beiden ersten Menschen, die im Garten Eden ohne Scham und Kleidung leben. Doch hinter diesem Ausdruck steckt mehr als nur eine Beschreibung äußerer Unbekleidetheit. Es ist ein Sinnbild für eine ursprüngliche Offenheit, für Echtheit und Unmittelbarkeit, die der Mensch im Paradies besaß, bevor Scham, Schuld und Angst in die Welt kamen.

    Wie im Paradies

    Adam und Eva lebten zunächst in einer vollkommenen Harmonie mit Gott, miteinander und mit der Schöpfung. Sie brauchten keine Masken, keine Rollen, keine Verteidigungen. Ihr „Herumlaufen“ war ein Ausdruck von Freiheit. Sie durften sein, wie sie waren. Nichts trennte sie von Gott oder voneinander. Doch nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, „gingen ihnen die Augen auf“. Sie erkannten, dass sie nackt waren. Was vorher selbstverständlich und unschuldig war, wurde nun zum Anlass von Scham und Verstecken. Sie begannen, sich zu bedecken – äußerlich mit Blättern, innerlich mit Angst und Schuldgefühlen.

    „Herumlaufen wie Adam und Eva“ kann deshalb als Einladung verstanden werden, zu dieser ursprünglichen Offenheit zurückzufinden – nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinn. Es geht darum, ehrlich zu sein, sich selbst und anderen gegenüber, ohne Fassade, ohne das Bedürfnis, sich zu verstellen oder besser darzustellen, als man ist. Wer „wie Adam und Eva“ lebt, wagt es, verletzlich zu sein, sich zu zeigen, wie er wirklich ist, und darauf zu vertrauen, dass er trotzdem angenommen wird.

    Im Glauben

    Im christlichen Glauben wird diese Rückkehr zur Unverstelltheit in Christus möglich. Er nimmt die Scham, die Trennung, die Schuld auf sich. Er schenkt uns eine neue Freiheit. Das bedeutet nicht, dass wir wieder nackt im Garten Eden umhergehen. Wir können innerlich wieder frei werden. Das heißt frei und ehrlich zu leben, zu lieben und uns von Gott anschauen zu lassen, so wie wir sind.

    So erinnert uns das „Herumlaufen wie Adam und Eva“ an eine tiefe Wahrheit über den Menschen: Wir sind geschaffen, um aufrecht und offen durchs Leben zu gehen, nicht versteckt hinter Angst oder Stolz. Wahre Nacktheit ist hier kein Mangel an Kleidung, sondern ein Zeichen der Wahrhaftigkeit – die Fähigkeit, sich selbst und andere mit dem Blick der Liebe zu sehen, mit dem Gott uns von Anfang an anschaut.


  • Von Adam und Eva stammen

    Von Adam und Eva stammen nach Gen. 4,1


    In Genesis 4,1 heißt es:
    „Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit der Hilfe des Herrn.“

    Mit diesem Satz beginnt die Geschichte der Menschheit außerhalb des Paradieses. Nach dem Verlust des Gartens Eden, nach Schuld, Vertreibung und Neuanfang, geschieht hier etwas Entscheidendes. Das Leben geht weiter. Eva, die „Mutter aller Lebendigen“, bringt ein Kind zur Welt. Inmitten von Schmerz und Entfremdung wird neues Leben geboren als ein Zeichen, dass Gott den Menschen nicht aufgibt.

    „Von Adam und Eva stammen“ bedeutet also mehr als nur, dass sie die ersten Menschen sind. Es drückt aus, dass wir alle Teil dieser Geschichte sind – einer Geschichte, die mit Segen und Schuld, mit Anfang und Scheitern, mit Hoffnung und Neubeginn verwoben ist. In uns allen lebt etwas von dieser ersten Menschheit. Das ist die Sehnsucht nach Nähe zu Gott, aber auch die Versuchung, Grenzen zu überschreiten. Wir haben die Fähigkeit zu lieben, aber auch die Erfahrung von Schuld und Trennung.

    Wenn Eva bei der Geburt Kains sagt: „Ich habe einen Mann gewonnen mit der Hilfe des Herrn“, zeigt sich darin ihr Glaube. Trotz allem, was geschehen ist, weiß sie: Das Leben kommt von Gott. Jede Geburt ist ein Wunder, ein neues Ja Gottes zum Menschen. So beginnt die Menschheitsgeschichte nicht mit Verzweiflung, sondern mit Hoffnung. Und es gibt die Zusage, dass Gottes Schöpfung weitergeht, auch jenseits des Paradieses.

    Von Adam und Eva zu stammen heißt deshalb auch, Verantwortung zu tragen. Wir sind nicht nur ihre biologischen, sondern auch ihre geistlichen Nachkommen. Wie sie sind wir fähig zu Gutem und Bösem, zu Vertrauen und Misstrauen. Die Bibel erzählt diese frühe Geschichte nicht, um uns zu verurteilen, sondern um uns an unsere Menschlichkeit zu erinnern: Wir alle leben in der Spannung zwischen göttlicher Berufung und menschlicher Schwäche.

    Doch wie bei Adam und Eva gilt auch für uns: Gott bleibt treu. Er begleitet die Menschen durch ihre Irrwege und lässt sie nicht allein. In jedem neuen Anfang, in jeder Geburt, in jeder Hoffnung zeigt sich die bleibende Kraft seines Segens. So trägt der Satz „Von Adam und Eva stammen“ eine doppelte Bedeutung: Er erinnert uns an unsere Herkunft – und an unsere Berufung, das Leben in Verantwortung und Vertrauen weiterzutragen.


  • Seit Adams Zeiten

    Seit Adams Zeiten nach Gen. 2,7


    In Genesis 2,7 heißt es:
    „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“

    Dieser Vers beschreibt auf einzigartige Weise den Ursprung des Menschen. Adam – hebräisch adam, verwandt mit adamah („Erde“) – wird aus Staub geformt und durch den Atem Gottes zum Leben erweckt. In diesem Bild liegt eine tiefe Wahrheit über das Menschsein, die „seit Adams Zeiten“ nichts an Bedeutung verloren hat: Der Mensch ist einerseits irdisch, vergänglich, Teil der Schöpfung; andererseits trägt er in sich den göttlichen Lebenshauch, der ihm Würde, Geist und Verantwortung verleiht.

    „Seit Adams Zeiten“ bedeutet daher: So lange es Menschen gibt, leben sie in dieser doppelten Spannung. Wir sind aus Erde gemacht – begrenzt, verletzlich, sterblich. Und doch wohnt in uns etwas, das über uns hinausweist: der göttliche Geist, der uns befähigt zu denken, zu lieben, zu gestalten und zu glauben. Jeder Mensch trägt den Atem Gottes in sich, und gerade darin liegt der Ursprung unserer Würde. Kein Mensch ist bloß ein Stück Natur – jeder ist von Gott gewollt und beseelt.

    Diese Erkenntnis prägt das biblische Menschenbild: Der Mensch ist Geschöpf, nicht Schöpfer. Er verdankt sein Leben nicht sich selbst, sondern Gott. Das bewahrt ihn vor Überheblichkeit und ruft ihn zugleich zur Verantwortung. Wer den göttlichen Atem in sich trägt, soll das Leben achten – das eigene wie das der anderen.

    „Seit Adams Zeiten“ zeigt sich auch, dass der Mensch immer wieder vergisst, woher er kommt. Er versucht, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen, und verliert dadurch leicht den Sinn für das Heilige. Die Erzählung von Adam erinnert uns daran, dass wahres Leben nicht aus Macht oder Besitz entsteht, sondern aus Beziehung – zu Gott, zu anderen und zur Erde, aus der wir gemacht sind.

    So ist Genesis 2,7 nicht nur ein Bericht über den Anfang, sondern eine bleibende Deutung des Menschseins. Seit Adams Zeiten gilt: Wir sind Erdlinge mit göttlichem Atem – Geschöpfe zwischen Himmel und Erde. Und erst wenn wir beides annehmen, unsere Schwäche und unsere Würde, können wir wirklich verstehen, was es heißt, Mensch zu sein.


  • Adamsapfel

    Adamsapfel – Obwohl in der Bibel nicht genau bezeichnet, gilt die verbotene Frucht von altersher als Apfel. Dieser blieb nach altem Volksglauben in Adams Hals stecken und gab dem vorstehenden Kehlkopf des Mannes seinen Namen.
    1. Mose 3,6


    Aus 1. Mose 3,6.
    „Da sah die Frau, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum wäre, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß. Und sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß.“

    Dieser Vers beschreibt den entscheidenden Moment, in dem die ersten Menschen gegen Gottes Gebot handeln. Die Frucht vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ wird zum Symbol für den menschlichen Drang, selbst über Gut und Böse zu bestimmen. In der Bibel steht nicht ausdrücklich, dass es ein Apfel war. Diese Vorstellung entstand erst später in der christlichen Tradition. Doch der „Adamsapfel“ ist bis heute zum Sinnbild des Sündenfalls geworden.

    Der sogenannte „Adamsapfel“ erinnert uns daran, dass Erkenntnis und Versuchung eng beieinanderliegen. Die Frucht war schön anzusehen und schien etwas zu versprechen, das über das Gewöhnliche hinausging: Weisheit, Selbstständigkeit, Macht. Der Mensch wollte mehr sein als ein Geschöpf – er wollte sein wie Gott. In diesem Wunsch liegt der Ursprung vieler menschlicher Irrwege bis heute. Seit Adam und Eva neigen wir dazu, Grenzen zu überschreiten, weil wir glauben, wir wüssten es besser als der Schöpfer.

    Doch die Geschichte erzählt nicht nur vom Versagen, sondern auch vom Erwachen. Mit dem Biss in die Frucht öffneten sich den Menschen die Augen. Sie erkannten Gut und Böse, aber auch ihre eigene Nacktheit, ihre Verletzlichkeit. Der „Adamsapfel“ steht deshalb zugleich für das Bewusstsein des Menschen, zu wissen, dass er verantwortlich ist, dass seine Entscheidungen Folgen haben.

    Im Volksmund wird der Begriff „Adamsapfel“ heute meist für den sichtbaren Kehlkopf bezeichnet. Er ist ein bleibendes Zeichen, so sagt man scherzhaft, des Bisses, der Adam im Halse stecken blieb. Doch symbolisch erinnert er uns daran, dass der Mensch seither mit seiner Stimme, mit seinem Wort, Verantwortung trägt. Was wir sagen und tun, kann Gutes bewirken oder zerstören – wie damals der Biss in die verbotene Frucht.

    So steht der „Adamsapfel“ für die Ambivalenz des Menschseins: für Neugier und Erkenntnisdrang, aber auch für Stolz und Schuld. Er mahnt uns, dass wahre Weisheit nicht im Übertreten von Grenzen liegt, sondern im Vertrauen auf Gott, der das Leben schenkt. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, alles zu besitzen und zu wissen. Er ist dazu geschaffen, in Beziehung zu leben – mit Gott, mit anderen und mit sich selbst.


  • Einen Adamsapfel haben

    Einen Adamsapfel haben Gen 2,17


    In Genesis 2,17 spricht Gott zu Adam:
    „Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen aber sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.“

    Mit diesem Satz wird eine Grenze gesetzt – eine Grenze zwischen göttlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung. Der Mensch darf alles genießen, was Gott geschaffen hat, nur eines nicht: die Frucht des Baumes, der Erkenntnis bringt. Dieses Verbot ist kein Zeichen von Härte, sondern Ausdruck von Fürsorge. Gott will den Menschen vor der Überforderung bewahren, die entsteht, wenn er sich selbst an Gottes Stelle setzt.

    Der Ausdruck „einen Adamsapfel haben“ hat heute eine ganz andere, körperliche Bedeutung: Er bezeichnet den kleinen Vorsprung am Hals, den man vor allem bei Männern sieht – den Kehlkopf. In der Volksüberlieferung heißt es, dieser „Adamsapfel“ sei der Rest der verbotenen Frucht, die Adam im Hals stecken geblieben sei. Doch jenseits dieser Legende steckt in dem Bild eine tiefe Symbolik.

    „Einen Adamsapfel haben“ bedeutet im übertragenen Sinn, Teil der menschlichen Geschichte zu sein – jener Geschichte, die mit Adams Entscheidung begann. Er steht für das Menschsein mit all seinen Spannungen: Wissenwollen und Gehorsam, Freiheit und Verantwortung, Vertrauen und Zweifel. Jeder Mensch trägt gewissermaßen „einen Adamsapfel“ in sich – das Zeichen dafür, dass wir die Versuchung kennen, Grenzen zu überschreiten, und zugleich die Sehnsucht, Gott nahe zu sein.

    Der Adamsapfel erinnert uns also an die Stimme, die aus unserem Inneren spricht: die Stimme des Gewissens. Denn genau dort entscheidet sich, ob wir dem Guten folgen oder uns selbst zum Maßstab machen. Wie der Kehlkopf das Werkzeug unserer Stimme ist, so ist der „Adamsapfel“ ein Sinnbild für das Wort, für das Sprechen, für das bewusste Handeln. Was wir sagen und tun, hat Gewicht – und kann Leben schaffen oder zerstören.

    So zeigt Genesis 2,17, dass Freiheit ohne Vertrauen ihren Sinn verliert. Gott gibt dem Menschen Raum zur Entfaltung, aber auch eine Grenze, die ihn an seine Geschöpflichkeit erinnert. „Einen Adamsapfel haben“ heißt also: Wir tragen in uns die Erinnerung an Adams Entscheidung – und die Verantwortung, aus seinem Fehler zu lernen. Der Mensch bleibt ein Wesen zwischen Erde und Himmel, zwischen Versuchung und Gnade. Doch gerade darin liegt seine Würde: Er darf immer wieder neu wählen, sich dem Leben zuzuwenden, das Gott ihm schenkt.


  • Im Adamskostüm

    Im Adamskostüm nach Gen. 2,25


    In Genesis 2,25 heißt es:
    „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und sie schämten sich nicht.“

    Dieser kurze Vers beschreibt einen Zustand ursprünglicher Unschuld und Freiheit. Adam und Eva leben im Paradies, in vollkommener Harmonie mit Gott, miteinander und mit sich selbst. Sie sind „nackt“, aber diese Nacktheit ist nicht peinlich oder beschämend, sondern Ausdruck völliger Offenheit. Im Licht der Schöpfung brauchen sie nichts zu verbergen – kein Misstrauen, keine Angst, kein Schamgefühl trübt ihre Beziehung.

    Wenn man heute sagt, jemand sei „im Adamskostüm“, meint man meist humorvoll, dass jemand unbekleidet ist. Doch jenseits des Scherzes trägt dieser Ausdruck eine tiefere Bedeutung: Er erinnert an die paradiesische Zeit, in der der Mensch ganz er selbst war – ohne Maske, ohne Fassade, ohne den Zwang, sich zu verstecken. Das „Adamskostüm“ steht damit nicht nur für äußere Nacktheit, sondern für innere Wahrhaftigkeit.

    Die Nacktheit im Paradies ist ein Symbol für Vertrauen. Adam und Eva begegnen einander so, wie sie sind, und finden darin kein Problem. Erst nach dem Sündenfall, nachdem sie von der verbotenen Frucht gegessen haben, „gehen ihnen die Augen auf“, und sie erkennen, dass sie nackt sind. Scham entsteht, wo Misstrauen und Schuld in die Beziehung treten. Der Mensch beginnt, sich zu verhüllen – nicht nur mit Blättern, sondern auch mit Worten, Rollen und Masken.

    Im übertragenen Sinn lädt uns die biblische Erzählung dazu ein, wieder „im Adamskostüm“ zu leben – nicht äußerlich, sondern innerlich. Sie ruft dazu auf, ehrlich zu sein, sich selbst und anderen gegenüber, und sich von Gott anschauen zu lassen, ohne Angst und Verstellung. Wer sich vor Gott zeigt, wie er wirklich ist, erfährt Annahme und Heilung.

    „Im Adamskostüm“ zu leben bedeutet also, zu einem ursprünglichen Vertrauen zurückzufinden. Es ist eine Erinnerung daran, dass der Mensch von Anfang an gut geschaffen ist, dass er nicht durch Leistung oder Verkleidung wertvoll wird, sondern durch sein Sein. Der Vers aus Genesis 2,25 zeigt: Vor Gott darf der Mensch so sein, wie er ist. In dieser Wahrheit liegt eine tiefe Freiheit – die Freiheit, ganz Mensch zu sein, ohne sich zu verbergen.


  • Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler

    Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler“ – Ein biblisches Bild vom Gericht und der Wahrheit
    (Matthäus 35,38; Lukas 17,37; Hiob 39,30; Habakuk 1,8)

    Der Satz „Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler“ stammt aus dem Neuen Testament (Matthäus 24,28). Auf den ersten Blick klingt er merkwürdig und sogar etwas abstoßend. Doch wie viele Bilder in der Bibel trägt auch dieses eine tiefere Bedeutung. Es will nicht über Tiere oder Tod sprechen, sondern über das Wirken Gottes in der Welt und die Unvermeidlichkeit der Wahrheit.

    Bei Matthäus und Lukas

    Jesus spricht diesen Satz, als er seinen Jüngern vom Ende der Zeiten erzählt. Viele Menschen werden in dieser Zeit behaupten, sie wüssten, wo der Messias sei oder wann genau das Ende komme. Jesus aber sagt:

    „Glaubt ihnen nicht! Denn wie der Blitz vom Osten bis zum Westen leuchtet, so wird das Kommen des Menschensohnes sein.“ Und dann fügt er hinzu: „Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.“

    Auch im Lukasevangelium (17,37) steht dieser Satz in einem ähnlichen Zusammenhang. Die Jünger fragen: „Wo wird das geschehen, Herr?“ – und Jesus antwortet mit genau diesen Worten.

    Damit will er sagen: Wenn das göttliche Gericht kommt, wenn Gott in die Welt eingreift, wird es nicht verborgen, nicht versteck und nicht zufällig geschehen. Es wird so deutlich und unausweichlich sein wie Adler, die man schon von weitem über einem Kadaver kreisen sieht. Das Handeln Gottes ist unübersehbar.

    In der Natur

    Das Bild stammt aus der Naturbeobachtung: Adler (in manchen Übersetzungen auch Geier) finden von selbst dorthin, wo ein totes Tier liegt. Niemand muss sie rufen – sie folgen ihrem Instinkt. Dieses Verhalten ist ein Teil der Ordnung der Schöpfung. In der Bibelstelle Hiob 39,30 wird genau das beschrieben:
    Seine Jungen saugen Blut, und wo Erschlagene liegen, da ist er.“

    Hier wird der Adler nicht negativ dargestellt, sondern als ein Tier, das in Gottes Schöpfung seinen Platz hat. Es sorgt für den Kreislauf des Lebens, indem es Verwesung und Neuanfang miteinander verbindet.

    Übertragen auf Jesu Wort bedeutet das: Auch Gottes Handeln folgt einer Ordnung. Wo Schuld, Unrecht und geistlicher Tod sind, da wird Gottes Gerechtigkeit sichtbar – ganz natürlich, so wie Adler über dem Aas.

    Die Adler als Zeichen des Gerichts

    In der Prophetie des Habakuk (1,8) wird das Adlerbild deutlich mit dem Gericht Gottes verbunden. Der Prophet beschreibt die Babylonier, die als Werkzeug des göttlichen Gerichts über Israel kommen, mit den Worten:
    Sie fliegen dahin wie ein Adler, der sich auf die Beute stürzt.

    Der Adler ist hier ein Symbol für Schnelligkeit, Stärke, Unausweichlichkeit. Wenn das Unrecht überhandnimmt, lässt Gott nicht zu, dass es ungestraft bleibt. Sein Gericht „fliegt“ herbei, sobald das Böse offenbar ist.

    Jesu Wort knüpft an dieses Denken an: Wo das Aas ist – also das Verderbte, das Sündige, das Todgeweihte –, da erscheinen die Adler – also die Zeichen des göttlichen Gerichts. Gott sieht das Böse, und er lässt es nicht einfach geschehen.

    Was es bedeutet:

    Im übertragenen Sinn kann man sagen: Das, was im Inneren verdorben ist, zieht das Gericht an.

    Das gilt nicht nur für Völker und Gesellschaften, sondern auch für jeden einzelnen Menschen. Wenn jemand dauerhaft in Lüge, Ungerechtigkeit oder Lieblosigkeit lebt, dann sammelt sich irgendwann das „Gericht“ – die Folgen dieser Haltung werden sichtbar.

    Aber in diesem Bild liegt nicht nur eine Drohung. Es ist auch eine Mahnung zur Wachsamkeit und ein Ruf zur Umkehr. Wer auf die Zeichen achtet, wer die Wahrheit sucht und sich von Gott führen lässt, wird das Kommen des Menschensohnes nicht fürchten müssen.

    *

    Das Sprichwort „Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler“ ist also weit mehr als eine düstere Naturbeobachtung. Es sagt:

    • Nichts bleibt verborgen.
    • Wo Verderben herrscht, dort wird die Wahrheit sichtbar.
    • Gottes Ordnung wirkt – sichtbar und gerecht.

    Man kann es auch ganz allgemein verstehen: In einer Welt, in der vieles verfällt – in Moral, Wahrheit oder Glaube –, wird irgendwann offenbar, was echt und was tot ist. Die „Adler“ stehen dann für das Sichtbarwerden der Wahrheit, für die Klarheit, die alles ans Licht bringt.

    *

    Jesu Wort erinnert daran, dass man das Wirken Gottes nicht berechnen oder verstecken kann. Es zeigt sich von selbst – so sicher wie Adler, die ein Aas finden.

    Darum lädt dieser Satz dazu ein, achtsam zu leben, ehrlich mit sich selbst zu sein und die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Denn wo geistlicher Tod ist, wird auch das Gericht sichtbar – aber wo Leben und Gerechtigkeit sind, da leuchtet das Licht Gottes.

  • Alt und grau werden

    Alt und grau werden – 1. Samuel 12,2

    Im ersten Buch Samuel spricht der Prophet Samuel zum Volk Israel:

    Und nun siehe, ich bin alt und grau geworden, und meine Söhne sind bei euch; ich bin vor euch hergegangen von meiner Jugend an bis auf diesen Tag.“ (1 Sam 12,2)

    Diese Worte stammen aus Samuels Abschiedsrede, die er hält, nachdem Israel sich einen König gewünscht hat. Samuel, der sein Leben lang als Richter, Prophet und Führer des Volkes gewirkt hatte, erkennt, dass seine Zeit zu Ende geht. Er blickt zurück auf ein langes Leben im Dienst Gottes und gesteht offen: Die Jahre haben Spuren hinterlassen. „Alt und grau“ zu sein, bedeutet hier nicht Schwäche oder Wertlosigkeit, sondern Reife, Erfahrung und Treue.

    Samuel erinnert das Volk daran, dass er ihnen von Jugend an gedient hat – mit Aufrichtigkeit, mit Mut und mit der Verantwortung, Gottes Willen zu verkünden. Sein Alter ist ein Zeichen der Vollendung eines treuen Lebensweges. Er hat seine Aufgabe erfüllt, und nun übergibt er das Amt an den jungen König Saul. Das ist nicht einfach, doch Samuel tut es im Vertrauen darauf, dass Gott seine Geschichte weiterführt.

    Der biblische Blick auf das Altwerden unterscheidet sich oft von der modernen Sicht. In einer Zeit, in der Jugend und Leistung hoch geschätzt werden, erinnert die Bibel daran, dass das Alter ein Geschenk ist – eine Lebensphase, in der Weisheit und Erfahrung ihren besonderen Wert haben. In den Psalmen heißt es:

    Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und bis ihr grau werdet, will ich euch tragen.“ (Jes 46,4)

    Dieses Wort Gottes ist eine Verheißung: Gott bleibt treu, auch wenn Kräfte schwinden. Altwerden bedeutet nicht, von Gott verlassen zu sein, sondern in neuer Weise seine Nähe zu erfahren. Wie Samuel dürfen Menschen im Alter zurückblicken und zugleich darauf vertrauen, dass Gott den Weg weitergeht – mit den Jüngeren, die nachfolgen, und mit ihnen selbst, die in Gottes Händen geborgen bleiben.

    Alt und grau werden“ ist also kein Ende, sondern Teil eines größeren Ganzen. Es ist der Abschnitt, in dem das Vertrauen wachsen darf, dass Gott, der am Anfang stand, auch am Ende da ist. Das Leben in seiner ganzen Spannweite – von der Jugend bis ins Alter – steht unter seinem Segen. So wird das Altwerden zu einem Zeugnis dafür, dass Gott mitgeht, trägt und vollendet.

  • Ein biblisches Alter erreichen


    Wenn man heute sagt, jemand habe „ein biblisches Alter erreicht“, meint man damit, dass eine Person sehr alt geworden ist. Der Ausdruck geht zurück auf die Erzählungen des Alten Testaments, als Menschen wie Methusalem, Noah oder Abraham ungewöhnlich lange lebten. So soll Methusalem, der Großvater Noahs, ganze 969 Jahre alt geworden sein (Gen 5,27) – das sprichwörtlich „biblische Alter“.

    Diese hohen Lebenszahlen sind jedoch nicht einfach wörtlich zu verstehen. Sie sind vielmehr Ausdruck von Wertschätzung und Bedeutung. In der Welt der Bibel steht hohes Alter für Weisheit, Erfahrung und Gottes Segen. Ein langes Leben galt als Zeichen göttlicher Gunst, als Lohn für Treue und Gerechtigkeit. Wer alt wurde, hatte Zeit, seine Kinder und Enkel zu sehen. Er konnte Lebenserfahrungen weiterzugeben und das Wirken Gottes über Generationen hinweg zu erkennen.

    Mehr als Jahre

    Doch „ein biblisches Alter erreichen“ meint mehr als nur viele Jahre auf der Erde zu zählen. Es geht um die Qualität des Lebens, nicht bloß um seine Länge. Die Bibel versteht das Alter als eine Lebensphase, in der der Mensch reifen darf im Glauben, in der Dankbarkeit, in der Gelassenheit. „Graue Haare sind eine Krone der Ehre, wenn sie auf dem Weg der Gerechtigkeit gefunden werden“ (Spr 16,31). Alter bedeutet also nicht Verfall, sondern Vollendung – ein Leben, das seinen Sinn erfüllt hat.

    In unserer heutigen Zeit, die oft Jugend und Leistung idealisiert, erinnert uns der Ausdruck „biblisches Alter“ daran, dass jedes Lebensjahr ein Geschenk ist. Altern ist kein Makel, sondern Teil des göttlichen Plans. Der Mensch darf alt werden, um loszulassen, um zu verstehen, was wirklich zählt. Und er darf Zeugnis davon zu geben, dass Gott treu bleibt – auch über ein langes Leben hinweg.

    „Ein biblisches Alter erreichen“ heißt also: ein Leben führen, das gesegnet ist – durch Glauben, durch Beziehungen, durch Dankbarkeit. Wer in diesem Sinn alt wird, trägt Spuren der Geschichte Gottes in sich. Vielleicht besteht das wahre „biblische Alter“ nicht darin, viele Jahre zu zählen, sondern darin, erfüllt zu leben – in der Gewissheit, dass jedes Lebensalter von Gott getragen ist.


  • Ein Anathema sprechen (sein)

    Ein Anathema sprechen oder sein nach 1 Kor 16,22 und Röm 9,3

    Der Ausdruck Anathema entstammt dem Griechischen (ἀνάθεμα) und bedeutet ursprünglich „das dem Bann Geweihte“ oder „das Ausgeschlossene“. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet er etwas oder jemanden, der von der Gemeinschaft Gottes oder der Glaubenden ausgeschlossen ist – nicht unbedingt aus Hass, sondern als ernste Folge der Trennung von Gott. In den neutestamentlichen Briefen, besonders in 1 Korinther 16,22 und Römer 9,3, begegnet uns der Begriff in zwei sehr unterschiedlichen, aber tief zusammenhängenden Bedeutungen.

    In 1 Kor 16,22 schreibt Paulus am Ende seines ersten Briefes an die Korinther:

    „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht (Anathema). Maranatha!“

    Diese Worte klingen hart, doch sie sind Ausdruck der ernsten Glaubensüberzeugung des Paulus: Die Liebe zu Christus ist der entscheidende Maßstab des Glaubens. Wer sich dem entzieht oder den Herrn bewusst ablehnt, trennt sich selbst von der Gemeinschaft der Erlösten. Das Anathema ist hier kein willkürlicher Fluch, sondern eine Beschreibung dieses selbstverschuldeten Zustandes – eine Warnung, die die Dringlichkeit des Glaubens unterstreicht. Das aramäische Wort Maranatha („Unser Herr, komm!“) fügt eine eschatologische Dimension hinzu. Die Ankündigung des kommenden Herrn macht deutlich, wer in der Liebe zu ihm steht und wer nicht.

    Ganz anders, aber ebenso eindrücklich verwendet Paulus das Wort in Römer 9,3:

    „Ich selbst wünschte, verflucht (Anathema) zu sein, getrennt von Christus, um meiner Brüder willen, meiner Stammesverwandten nach dem Fleisch.“

    Hier kehrt sich die Bedeutung um. Paulus spricht kein Anathema über andere, sondern wäre – in seiner tiefen Liebe zu seinem Volk Israel – sogar bereit, selbst ein Anathema zu sein, also sich von Christus zu trennen, wenn dadurch seine Brüder gerettet würden. Das ist natürlich kein theologisches Programm, sondern eine rhetorisch-emotionale Zuspitzung. Sie zeigt, wie sehr Paulus das Heil der anderen über sein eigenes Wohl stellt. Das Anathema wird hier zum Zeichen selbstloser Liebe, zur paradoxen Ausdrucksform christlicher Hingabe.

    Vergleicht man beide Stellen, so wird deutlich: Das Anathema ist im Denken des Paulus kein Instrument der Verurteilung, sondern ein Ausdruck tiefster geistlicher Realität. In 1 Kor 16,22 geht es um die Konsequenz der Lieblosigkeit gegenüber Christus; in Röm 9,3 um die grenzenlose Liebe, die selbst auf das eigene Heil verzichten würde. Zwischen beiden Texten spannt sich ein Bogen vom Gericht zur Barmherzigkeit, vom Ausschluss zur selbstaufopfernden Liebe. Paulus macht damit deutlich, dass Glaube nicht bloß Bekenntnis ist, sondern Beziehung – zu Christus und zu den Menschen. Das Anathema verweist so letztlich auf die Ernsthaftigkeit dieser Beziehung: Sie ist alles entscheidend, weil sie über Leben und Heil bestimmt.

  • Was deines Amtes nicht ist, …

    Was deines Amtes nicht ist, da lass deinen Vorwitz (Sirach 3, 24).
    Viele werden den Satz aus dem Buch des Jesus Sirach schon einmal irgendwo gehört haben. Sirach weist jede Einmischung in fremde Angelegenheiten zurück und ermahnt, sich auf die eigenen Verantwortungen zu konzentrieren und die eigene Kompetenz nicht zu überschreiten. Er rät zu einem angemessenen Verhalten, dass auch übertriebene Neugier oder Aufdringlichkeit vermeidet. 

    Was deines Amtes nicht ist: Der Satz ist eine Ermahnung, sich um die eigenen Zuständigkeiten zu kümmern und sich nicht in Angelegenheiten einzumischen, die nicht zum eigenen Aufgabenbereich gehören. Es ist ein Rat, sich auf eigene Pflichten zu konzentrieren und übermäßige Einmischung in fremde Dinge zu vermeiden. 

    Mit anderen Worten und etwas pointierter sagt Sirach (in der Übersetzung der Lutherbibel 1912) uns: „Kümmer dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen, und mische dich nicht in Angelegenheiten ein, für die du nicht zuständig bist.“

    Der robusten Zurückweisung lässt Sirach eine Begründung folgen: Was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Vorwitz; denn dir ist schon mehr befohlen, als du kannst ausrichten.

    Der Schreiber appelliert mit diesem Satz an seine Leser, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren und jeden Übereifer zu vermeiden, um keine Probleme zu verursachen oder sich selbst zu überfordern.

    Im Alltag kann der Satz in verschiedenen Zusammenhängen ver-wendet werden. Wenn jemand sich zu sehr in die Angelegenheiten anderer einmischt oder sich für Dinge zuständig fühlt, für die er nicht verantwortlich ist.  Er ist ein guter Rat zur Besonnenheit und zur Fokussierung auf die eigenen Verantwortlichkeiten. 

    In der Lutherbibel 2017 lautet die entsprechene Stelle: „Mit dem, was dir nicht aufgetragen ist, gib dich nicht ab; denn dir ist schon mehr gezeigt, als Menschenverstand fassen kann.“ Der Nachsatz enthält dabei eine großartige Zusage.

    ***

    Was deines Amtes nicht ist

    Was dir nicht aufgetragen ist, damit befasse dich nicht. Denn dir ist schon mehr gezeigt, als dein Verstand zu fassen vermag.
    In dieser Aufforderung liegt eine tiefe Weisheit, die drei Sichtweisen erlaubt:

    Sie erinnert an das Vertrauen in das göttliche Geheimnis. Nicht alles ist uns zur Erkenntnis gegeben, und manches bleibt verborgen, weil es über unser Maß hinausgeht. Der Mensch ist eingeladen, sich in Demut auf das zu konzentrieren, was ihm anvertraut ist. In der Gewissheit, dass Gott im Verborgenen wirkt und das Wesentliche offenbart.

    Aus dieser Gewissheit spricht das Motiv der Maßhaltung und Selbsterkenntnis. Schon Sokrates lehrte, dass Weisheit darin besteht, die eigenen Grenzen zu kennen. Nicht alles Denken führt zur Wahrheit, und nicht jede Frage ist uns zu beantworten bestimmt. Hier offenbart sich eine Haltung der inneren Ordnung: den eigenen Horizont zu akzeptieren und ihn behutsam zu erweitern.

    Schließlich verweist der Satz auf die Gefahr der Überforderung und Zersplitterung. Wer sich ständig mit dem Unzugänglichen befasst, verliert Energie und Orientierung. Stattdessen kann es heilsam sein, sich auf das zu konzentrieren, was im eigenen Einflussbereich liegt. Auf das, was jetzt verstanden, gefühlt und gestaltet werden kann. So wächst nicht nur Klarheit, sondern auch seelische Ruhe.

    Der Satz ermahnt zu einer Haltung der Achtsamkeit, der Demut und des Vertrauens. Das Wesentliche ist uns längst vor Augen gestellt, doch unser Blick muss still werden, um es zu erkennen.


  • Gut angeschrieben sein

    Gut angeschrieben sein nach Hebr. 12,22-24


    In Hebräer 12,22-24 heißt es:
    „Ihr seid aber gekommen nach Zion, zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu unzähligen Engeln in Festescharen, zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten, zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes, und zu dem Blut, das besser redet als das von Abel.“

    Diese Worte malen ein Bild davon, was es bedeutet, „gut angeschrieben“ zu sein – ein Ausdruck, der heute bildlich verwendet wird, um zu sagen, dass jemand einen guten Ruf hat oder in einer wichtigen Gemeinschaft einen sicheren Platz genießt. In biblischem Kontext geht es jedoch um viel mehr. Wer „im Himmel angeschrieben“ ist, gehört zu Gottes Gemeinde. Er oder sie ist in das Buch des Lebens eingeschrieben und wird von Gott selbst als Kind angenommen.

    Zum Bibeltext

    Der Text richtet sich an die Hebräer, die sich in ihrem Glauben verunsichert oder bedrängt fühlten. Er erinnert sie daran, dass die wahre Zugehörigkeit nicht von äußerem Status oder menschlicher Anerkennung abhängt, sondern von Gottes Gnade. Wer zu Christus gehört, ist „gut angeschrieben“ – nicht aufgrund eigener Leistung, sondern weil Jesus der Mittler eines neuen Bundes ist. Durch ihn sind die Gläubigen in eine Gemeinschaft aufgenommen, die ewig Bestand hat: zu den Engeln, den „Geistern der vollendeten Gerechten“ und vor allem zu Gott selbst.

    Interessant ist die Betonung von Jesu Blut „das besser redet als das von Abel“. Abel gilt als der erste Märtyrer der Bibel, dessen Blut nach Rache rief. Jesu Blut hingegen ruft nicht nach Vergeltung, sondern nach Versöhnung, Vergebung und Gemeinschaft. Wer auf Christus vertraut, wird nicht nur im himmlischen Buch verzeichnet. Sie und er wird in einen Bund aufgenommen, der Gnade und Frieden schenkt. Gut angeschrieben zu sein, heißt also, in Gottes Auge einen festen Platz zu haben – unabhängig von Versagen, Fehlern oder menschlicher Beurteilung.

    „Gut angeschrieben sein“ ist damit nicht nur ein himmlisches Privileg, sondern ein Aufruf, das Leben im Vertrauen auf Gott zu führen. Wer weiß, dass er zu Gottes Familie gehört, kann sich mutig und verantwortungsvoll in der Welt bewegen. Diese Zusage gibt Halt in Krisen, Trost in Ängsten und Orientierung in Entscheidungen. Das „angeschrieben sein“ bedeutet, dass Gott uns kennt, liebt und uns in seine Ewigkeit eingeschrieben hat – eine Sicherheit, die kein Mensch nehmen kann.

    So erinnert Hebräer 12,22-24: Gut angeschrieben zu sein ist mehr als ein guter Ruf unter Menschen. Es ist die göttliche Gewissheit, dass wir zu Gott, zu Christus und zu seiner ewigen Gemeinde gehören. Und es ist ein Geschenk, das alle Unsicherheiten des Lebens überdauert.


  • Im Schweiße deines Angesichtes

    Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen. (1. Mose 3,19)

    Gott weist den Menschen in seine Schranken.

    Der Satz „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“ (1. Mose 3,19) ist ein eindrucksvolles Wort der Bibel. Er stammt aus dem Bericht vom Sündenfall im 1. Buch Mose, wo Gott zu Adam spricht, nachdem dieser das Gebot übertreten hat. Mit diesen Worten beschreibt Gott die neue Realität des Menschen nach der Trennung von ihm: Das Leben, das zuvor mühelos und harmonisch im Garten Eden verlief, wird nun von Arbeit, Mühsal und Vergänglichkeit geprägt.

    Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen,
    bis du wieder zur Erde zurückkehrst;
    denn von ihr bist du genommen.
    Denn Staub bist du
    . Und zum Staub kehrst du zurück.“ (1. Mose 3,19)

    Diese Worte beschreiben nicht eine Strafe im engen Sinne, sondern eine Folge der Entfremdung von Gott. Der Mensch, der selbst sein wollte wie Gott, erlebt nun die Begrenztheit seines Daseins: Er muss für sein Leben kämpfen, arbeiten, sich mühen. Der Boden bringt Dornen und Disteln hervor. Die Schöpfung, einst Ort der Freude, wird zum Ort des Widerstands.

    Doch auch in dieser Mühe bleibt ein göttlicher Sinn verborgen. Arbeit ist nicht nur Last, sondern bleibt Ausdruck der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Schon vor dem Sündenfall war der Mensch berufen, die Erde zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15). Der Schweiß des Angesichts erinnert uns daran, dass Arbeit zum Wesen des Menschen gehört – sie ist Teil seiner Berufung, Mitgestalter der Schöpfung zu sein.

    In der christlichen Sozialethik wird dieser Gedanke weitergeführt: Arbeit ist nicht nur Mittel zum Lebensunterhalt, sondern Ausdruck von Würde und Gemeinschaft. Durch Arbeit gestaltet der Mensch die Welt und trägt Verantwortung für andere. Zugleich aber mahnt die Bibel, dass Arbeit niemals Selbstzweck oder Zwang sein darf. Der Mensch ist mehr als seine Leistung. Das Gebot des Sabbats erinnert daran, dass der Mensch zur Ruhe, zum Innehalten und zur Begegnung mit Gott geschaffen ist.

    In der modernen Arbeitswelt steht dieser biblische Gedanke in besonderer Spannung. Viele Menschen erfahren Arbeit heute als Belastung – unter Leistungsdruck, Unsicherheit oder Sinnverlust. Andere wiederum suchen in ihr Erfüllung und Identität. Das Wort aus 1. Mose 3,19 erinnert daran, dass Arbeit immer beides bleibt: Mühe und Berufung, Schweiß und Segen. Es ruft dazu auf, Arbeit so zu gestalten, dass sie dem Leben dient – nicht es zerstört.

    Die christliche Sozialethik fordert daher, dass Arbeit menschenwürdig, gerecht und solidarisch organisiert wird. Faire Löhne, soziale Sicherheit, Mitbestimmung und Schutz der Schwachen sind nicht nur wirtschaftliche Themen. Sie sind Ausdruck des biblischen Gebots der Nächstenliebe. Arbeit soll nicht entfremden, sondern verbinden – den Menschen mit der Schöpfung, mit anderen und mit Gott.

    Im Licht des Neuen Testaments gewinnt der Satz eine neue Tiefe. Christus selbst teilt die Mühe des menschlichen Lebens. Im Garten Getsemani schwitzt er „wie Blutstropfen“ (Lk 22,44). Er nimmt die Last der Welt auf sich, um sie zu erlösen. In ihm wird die Mühsal der Arbeit verwandelt in Dienst und Hingabe. Der Schweiß des Angesichts bleibt, aber er wird getragen von der Hoffnung, dass Gott auch im Alltag gegenwärtig ist.

    So erinnert uns der Satz „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ an die Realität menschlicher Mühe – aber auch an die Würde, die darin liegt. Arbeit ist Teil unseres Weges in dieser Welt – und in jeder Anstrengung, in jedem Dienst und in jeder gerechten Tat darf etwas von Gottes schöpferischer Kraft sichtbar werden.

  • Sein Angesicht über jemand leuchten machen

    Sein Angesicht über jemand leuchten machen nach 4. Mose 6,25


    In 4. Mose 6,25 spricht Gott durch den Priestersegen zu seinem Volk:
    „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“

    Dieser Satz ist Teil des berühmten aaronitischen Segens, den die Israeliten noch heute in Liturgien und Gebeten verwenden. Das Bild, das wir hier sehen, ist lebendig und unmittelbar verständlich. Gottes Angesicht strahlt auf den Menschen, erhellt sein Leben, schenkt Orientierung, Schutz und Wärme. Wer das Angesicht Gottes auf sich gerichtet weiß, lebt in einem besonderen Schutzraum der göttlichen Gegenwart.

    „Sein Angesicht über jemanden leuchten machen“ bedeutet mehr als nur Wohlwollen. Es beschreibt die aktive Zuwendung Gottes, seine Aufmerksamkeit und seine Liebe. Licht ist in der Bibel ein starkes Symbol für Leben, Klarheit und Freude. Wo Gottes Licht fällt, verschwindet Dunkelheit – seien es Ängste, Sorgen oder Schuldgefühle. So wie die Sonne alles erhellt, wirkt das leuchtende Angesicht Gottes auf das Herz und auf das Leben der Menschen.

    Dieser Segen zeigt auch, dass Gottes Liebe nicht passiv ist. Er „leuchtet“ aktiv über uns, er nimmt Anteil, er führt und schützt. In einer Welt, die oft von Unsicherheit, Konflikten und Dunkelheit geprägt ist, wird dieses Bild besonders eindrücklich. Menschen dürfen sich unter Gottes Licht geborgen wissen, sich geführt und angenommen fühlen. Gottes Strahlen über unser Leben bringt nicht nur Schutz, sondern auch Motivation und Hoffnung.

    Zudem verweist das Leuchten des göttlichen Angesichts auf Beziehung. Gott möchte Nähe, Begegnung und Gemeinschaft. Er ist nicht entfernt oder gleichgültig, sondern wendet sich bewusst dem Einzelnen zu. Wer in Gottes Licht steht, erfährt zugleich, dass er gesehen wird – mit all seinen Stärken und Schwächen – und dass Gottes Gnade auf ihm ruht.

    „Sein Angesicht über jemanden leuchten machen“ ist deshalb ein tiefes Symbol für Segen, Schutz, Zuwendung und Orientierung. Es ist eine Einladung, in Vertrauen und Nähe zu Gott zu leben, sich von seiner Gegenwart erhellen zu lassen und das Leben aus der Gewissheit zu gestalten, dass Gottes Blick immer auf uns gerichtet ist. So wie Licht Schatten vertreibt, so schenkt das leuchtende Angesicht Gottes Freude, Frieden und Sicherheit. Eine Zusage, die seit den Zeiten Israels bis heute Gültigkeit hat.


  • Von Angesicht zu Angesicht

    Von Angesicht zu Angesicht – Exodus 33,11

    In Exodus 33,11 heißt es:

    Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet.“

    Dieser Satz gehört zu den eindrucksvollsten Beschreibungen der Gottesbe-ziehung im Alten Testament. Er steht für eine einzigartige Nähe zwischen Gott und Mensch. Mose, der Führer Israels, begegnet Gott nicht aus der Ferne, sondern in einer persönlichen, vertrauensvollen Beziehung – wie ein Mann mit seinem Freund redet. Das ist ein erstaunliches Bild, denn im Alten Testament wird sonst immer wieder betont, dass niemand Gott „ins Gesicht “ sehen kann und lebt (vgl. Ex 33,20).

    Diese Spannung – zwischen Gottes Nähe und seiner Unverfügbarkeit – macht die Tiefe dieser Aussage aus. Von Angesicht zu Angesicht bedeutet hier nicht, dass Mose Gott in seiner vollen Herrlichkeit sieht. Vielmehr drückt es aus, dass er in einzigartiger Weise mit Gott verbunden ist: Er hört Gottes Stimme unmittelbar, ohne Vermittlung, und lebt aus einer Beziehung, die auf Vertrauen und Gehorsam gründet.

    In der Geschichte Israels ist Mose der Mittler zwischen Gott und dem Volk. Auf dem Sinai empfängt er die Gebote, im Zelt der Begegnung spricht er mit Gott über die Führung des Volkes. Dieses Reden von Angesicht zu Angesicht ist Zeichen einer lebendigen, persönlichen Beziehung. Gott bleibt zwar der Heilige und Unbegreifliche, aber er offenbart sich in Liebe und Zuwendung – er sucht Gemeinschaft mit dem Menschen.

    Theologisch weist diese Szene über Mose hinaus. Im ganzen Alten Testament bleibt der Wunsch nach unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott lebendig. In den Propheten wird davon gesprochen, dass Gott eines Tages sein Volk von Angesicht zu Angesicht erkennen lasse (vgl. Jer 31,34). Diese Hoffnung erfüllt sich nach neutestamentlichem Verständnis in Jesus Christus. In ihm wird das Unsichtbare sichtbar, das Ferne nahe. Der Evangelist Johannes schreibt:

    Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn uns verkündet. (Joh 1,18)

    Was Mose im Ansatz erfahren durfte, wird in Christus zur Wirklichkeit für alle Glaubenden. In Jesus begegnet der Mensch Gott tatsächlich ganz persönlich. Er ist das menschgewordene Angesicht Gottes – die sichtbare Offenbarung seiner Liebe und Barmherzigkeit.

    Doch auch im Glauben bleibt ein Geheimnis: Jetzt sehen wir Gott nur „wie in einem Spiegel, in einem Rätsel“ (1 Kor 13,12). Erst in der Vollendung, so verspricht Paulus, werden wir ihn wirklich sehen – höchstpersönlich und in der direkten, persönlichen Begegnung. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass das, was Mose in Ansätzen erlebte, eines Tages für alle Wirklichkeit wird: die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott.

    So steht Exodus 33,11 als biblisches Zeugnis für das Herzstück des Glaubens – dass Gott nicht fern bleibt, sondern Beziehung sucht. Von Angesicht zu Angesicht bedeutet: Gott wendet sich dem Menschen zu, persönlich, liebevoll, treu. Diese Nähe trägt das Leben des Glaubenden – jetzt im Glauben, einst in der Herrlichkeit.

    Der Satz ist zu einem geflügelten Wort geworden, dass beschreibt, wie zwei Menschen ernsthaft und vertrauensvoll miteinander reden, ehrlich, direkt, aufrichtig – face to face; persönlich und ganz direkt.

  • Angst und Bange werden

    Angst und Bange werden nach Ez. 30,13


    In Ezechiel 30,13 heißt es:
    „Die Horden Ägyptens werden fallen im Krieg; und ich werde ihr Stolz in Schrecken verwandeln. Sie werden fallen mit den Schwertern umher, spricht der Herr, HERR.“

    Dieser Vers gehört zu einer Reihe von Prophezeiungen, in denen Gott das kommende Gericht über die Nationen ankündigt, die sich gegen ihn und sein Volk stellen. Die Worte „Angst und Bange werden“ beschreiben eine tiefe existenzielle Bedrängnis: Menschen und Nationen geraten in Schrecken angesichts der Macht Gottes, die alles durchdringt und den Hochmut der Mächtigen entlarvt. In der Bibel zeigt sich Angst nicht nur als Furcht vor Gewalt, sondern als Bewusstsein der eigenen Begrenztheit und Verletzlichkeit vor Gott.

    „Angst und Bange“ kann zunächst negativ erscheinen, doch sie hat auch eine aufrüttelnde Funktion. Sie zwingt zur Besinnung, zur Umkehr und zu innerer Wachheit. Die Propheten wie Ezechiel nutzen diese Bilder, um Menschen die Realität ihres Handelns vor Augen zu führen. Stolz und Überheblichkeit werden durch Gottes Macht entlarvt. Wer sich gegen Gottes Willen stellt, muss die Konsequenzen spüren. Angst und Bange zu erleben, ist somit auch ein Weckruf, Verantwortung zu übernehmen und sein Leben zu prüfen.

    Andererseits:

    Zugleich zeigt der Text, dass Angst nicht nur Bedrohung ist, sondern auch Teil der göttlichen Ordnung. Sie entsteht, wenn Menschen außerhalb der von Gott gesetzten Grenzen handeln. Gott wirkt dabei nicht als grausamer Richter, sondern als lenkende Kraft, die den Hochmut der Mächtigen korrigiert und Gerechtigkeit herstellt. Die Angst vor Gott kann daher als notwendige Erfahrung gesehen werden. Sie lehrt Demut. Und sie lehrt, den eigenen Platz im Leben und in der Welt zu erkennen.

    Für uns heute kann „Angst und Bange werden“ ein Spiegel sein: Wir erleben Momente der Unsicherheit, des Zweifels und der Bedrohung – in persönlichen Krisen, in gesellschaftlichen Spannungen oder in globalen Katastrophen. Wie die Menschen in Ezechiels Zeiten sind wir herausgefordert, unsere Reaktionen zu prüfen. Angst darf nicht lähmen, sondern kann zu Achtsamkeit, Umkehr und Vertrauen führen. Wer sich Gott zuwendet, erfährt, dass Angst nicht das letzte Wort hat, sondern dass Gottes Hand auch inmitten der Bedrängnis Schutz, Orientierung und Hoffnung schenkt.

    So zeigt Ezechiel 30,13: Angst und Bange sind ernstzunehmende Erfahrungen des Menschen. Sie können aber in Gottes Hand verwandelt werden. Von lähmender Furcht hin zu Wachheit, Besinnung und dem Vertrauen auf die rettende Macht Gottes.


  • Ohne Ansehen der Person

    Ohne Ansehen der Person nach 5.Mo.1,17 und 1.Petr 1,17


    In 5. Mose 1,17 heißt es:
    „Ihr sollt nach Recht entscheiden: Den Kleinen wie den Großen, den Armen wie den Reichen sollt ihr nicht fürchten und nicht vor jemandem euch einschüchtern lassen, sondern dem Recht folgen.“

    Und in 1. Petrus 1,17 heißt es:
    „Da ihr den himmlischen Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet, so wandelt in Furcht vor ihm während eurer Zeit auf der Erde.“

    Beide Bibelstellen sprechen von einem zentralen Prinzip der Gerechtigkeit: Entscheidungen und Urteile sollen ohne Ansehen der Person gefällt werden. Das bedeutet, dass menschliche Macht, Reichtum, Status oder soziale Stellung keine Rolle spielen dürfen. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Auch untereinander sind wir aufgerufen, gerecht zu handeln. Unabhängig von äußeren Merkmalen oder gesellschaftlicher Position.

    In 5. Mose 1,17 richtet sich diese Aufforderung an Richter und Verantwortliche in Israel. Sie sollen sich nicht einschüchtern lassen, weder vom Reichtum noch vom Einfluss der Mächtigen. Das Recht soll unparteiisch und fair sein – für den Kleinen wie für den Großen, für den Armen wie für den Reichen. Das Prinzip betont die Verantwortung, die Menschen für ihr Handeln tragen, und die Notwendigkeit, Gerechtigkeit über persönliche Vorlieben oder gesellschaftlichen Druck zu stellen.

    1. Petrus 1,17 ergänzt diesen Gedanken im geistlichen Bereich. Gott richtet „ohne Ansehen der Person“. Niemand kann sich durch Reichtum, Einfluss oder äußere Erscheinung Vorteile verschaffen. Umgekehrt bedeutet dies, dass Gottes Segen und Gnade allen Menschen gleichermaßen zugänglich sind, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status. Christen sind aufgerufen, in dieser Erkenntnis zu leben: bewusst, gerecht und verantwortungsvoll zu handeln, weil Gott letztlich die Maßstäbe setzt.

    Der Satz gilt bis heute

    Das Prinzip „ohne Ansehen der Person“ hat bis heute eine tiefgreifende Bedeutung. Es fordert Fairness, Respekt und Gleichbehandlung in allen Bereichen des Lebens – in Rechtsprechung, Politik, Gesellschaft und persönlichen Beziehungen. Es erinnert daran, dass Macht und Status nicht das Fundament für Gerechtigkeit sein dürfen. Wer nach Gottes Maßstab lebt, erkennt die Würde jedes Menschen an und lässt sich nicht von äußeren Faktoren leiten.

    So verbindet sich in diesen beiden Bibelstellen das irdische und das geistliche Prinzip: Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Respekt vor Gottes Urteil verlangen, dass wir Menschen unparteiisch begegnen. „Ohne Ansehen der Person“ zu handeln bedeutet, die göttliche Perspektive einzunehmen – gerecht, ehrlich und verantwortungsvoll zu leben, in allen Entscheidungen des Alltags.