Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr
(Matthäus 19,24, Markus 10,25, Lukas 18,25)

Der Ausdruck „eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr“ stammt aus den Evangelien von Matthäus (Mt 19,24), Markus (Mk 10,25) und Lukas (Lk 18,25). Jesus verwendet dieses Bild im Gespräch mit seinen Jüngern, nachdem ein reicher Mann traurig weggegangen ist, weil er seinen Besitz nicht aufgeben wollte, um Jesus nachzufolgen.
Das Bild vom Kamel, das durch ein Nadelöhr gehen soll, ist eine drastische Übertreibung und verdeutlicht die Unmöglichkeit eines solchen Vorgangs. Es dient als anschauliche Metapher, um zu zeigen, wie schwierig es ist, dass ein Mensch, der stark an seinen Reichtum gebunden ist, in das Reich Gottes gelangt. Dabei geht es nicht allein um materiellen Besitz, sondern um die innere Haltung: Wer sich zu sehr an weltliche Sicherheiten klammert, findet schwer Zugang zu einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott.
Jesus macht deutlich, dass Reichtum eine Herausforderung darstellen kann, wenn er zum Zentrum des Lebens wird. Die Jünger reagieren entsprechend erstaunt, denn die Aussage widerspricht der damaligen verbreiteten Vorstellung, dass Reichtum ein Zeichen von Gottes Segen sei. Jesus stellt jedoch klar, dass nicht äußere Umstände entscheidend sind, sondern die innere Bereitschaft, sich Gott anzuvertrauen.
Das Bild wird oft als Hinweis darauf verstanden, dass menschlich Unmögliches bei Gott möglich ist. Es unterstreicht die Grenzen menschlicher Möglichkeiten und lenkt den Blick auf Gottes Handeln, das auch dort neue Wege eröffnen kann, wo aus menschlicher Sicht keine bestehen.
So steht „eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr“ sinnbildlich für etwas, das extrem unwahrscheinlich oder unmöglich erscheint, und zugleich für die Herausforderung, sich von inneren Bindungen zu lösen, um Raum für Vertrauen, Glauben und Offenheit gegenüber Gott zu schaffen.
Die enge Pforte
In Mt 7,13-14 lädt Jesus dazu ein, durch die enge Pforte zu gehen, denn das Tor sei eng und der Weg sei schmal, der zum ewigen Leben führt. – In dem aktuellen Gleichnis von dem Kamel, das eben nicht durch ein Nadelöhr geht, erklärt Jesus anhand eines grotesken Bildes, das es reichen Menschen nicht möglich ist – und nur wegen ihres Reichtums – ins Himmelreich zu kommen kommen. Er fügt aber an, dass es durch Gottes Gnade einen Ausweg gibt.
Es ist ja nicht das einzige Mal, dass Jesus mit solchen Beispielen seine Zuhörer belehrt (vgl. Mk.10,23ff.;9,42,Mt.5,13;6,3;7,4;8,22). Er sagt aber auch, dass es nicht unmöglich ist, zu Gott zu finden, denn es ist allein die Gnade Gottes, die völlig unverdient den Menschen das Reich Gottes schenkt.
Ist Reichtum wirklich nur immer der Schotter, die Knete oder die Mörderkohle, die ein Mensch auf dem Konto hat? Oder kann Reichtum auch aus den vielen kleinen Dingen bestehen, die wichtiger sind als unsere Beziehung zu Gott ? – Nein, nicht die Sünde, die von Gott trennt, sondern die Kleinigkeiten, die wichtiger sind als unsere Beziehung zu Gott.
Saulus von Tarsus gehört in seiner Zeit zur Bildungselite, diese Bildung ist sein Reichtum. Später bekennt er, nichts zu wissen als Jesus (1. Kor. 2,2). allein. In der Zeit, aus der Jesus durch sein Gleichnis zu uns spricht, ist für die einfachen Menschen deren (Groß-)Familie Reichtum und Sicherheit. Denen sagt Jesus, sie können nur seine Jünger werden, wenn sie die Familie völlig zurückstellen (Lk. 14,26).
Und noch einmal die Frage: Was ist hier eigentlich mit Reichtum gemeint?
Ein Ausweg vor dem Nadelöhr?
Wie denn? Kann man dem Nadelöhr noch ausweichen? – Ich denke: Nein.
In dem Gleichnis von dem Kamel und dem Nadelöhr unterstreicht Jesus mit einem Adynaton*, dass es für einen Reichen schier unmöglich ist, ins Reich Gottes zu kommen.
Jesus sagt nicht einfach, dass ein Reicher nicht ins Himmelreich kommen könne. Stattdessen behauptet er, bevor das geschieht und ein Reicher ins Reich Gottes kommt, passiert das Unmögliche, und das große Kamel geht durch ein winzig kleines Nadelöhr.
Dieses Bild ist unmissverständlich, und die Reaktion der Jünger scheint das zu bestätigen. Als Juden gehen sie davon aus, dass ein gewisser Kontostand durchaus als ein Zeichen göttlichen Wohlgefallens und Segens zu verstehen ist. Manche von ihnen sind wohlhabend und finanzieren die Mission Jesu und seiner Jünger, andere haben ihre Familie und den Arbeitsplatz verlassen um ihm nachzufolgen, und einige werden wie – vorsichtig formuliert – vor den Kopf gestoßen sein, als sie hören, was Jesus von Reichtum hält. Das bekommt er von Petrus im folgenden Gespräch auch deutlich zu hören.
Jesus lenkt ein; er sagt den Jüngern zu, dass es die Gnade Gottes sei, die dem Menschen ermögliche, an seiner Neuen Welt teilzuhaben, und dass es keine Angelegenheit eigenen Verdienstes oder eigener Größe ist, zum Werk des Herrn zu gehören und ins Himmelreich zu kommen. Dann verspricht er den Jüngern vielfache Belohnung, warnt aber auch wieder, dass die Ersten Letzte und die Letzten Erste werden können. (Mt,19,26-30) Von finanziellem Reichtum ist hier nicht die Rede, eher von Dünkel.
* – Ein Adynaton ist ein rhetorischer Trick, eine Aussage, die sich auf etwas Unmögliches beruft, um dadurch zu bestätigen, dass etwas auf keinen Fall geschehen kann.
Die oben stehenden Texte „Die enge Pforte“ und „Ein Ausweg vor dem Nadelöhr“ stammen aus meinem Buch „Gleichnisse des Jesus von Nazareth: Kreuz und quergedacht„, Frank Weber, BoD, 2025